Eine Radwanderung

Wir haben das Meer erreicht! Nach 2600 Kilometern, Flusskilometrierung, von denen wir die ein oder anderen abkürzen konnten, um sie dann an anderer Stelle mehr zu fahren. Nach 5 Monaten Herbst, Winter, Frühjahr, 40 K Temperaturdifferenz, ungezählten Kontakten, Schiffen, Fischern und Fischen und überhaupt...

 

Das Meer hatte uns erwartet. Bei Sonnenuntergang konnten wir auf eine ruhige See fahren, wurden von einem Pelikan begrüßt, das Wasser war warm aber wir zu müde zum Baden.

Dieser Moment, auf den wir ja von Anfang an vorbereitet waren, den wir uns aber nie so recht vorstellen konnten, wurde wahr.

Dann kam die Nacht und alles wurde anders - normal. Der hier übliche Wind kam auf und spülte uns den Sand zu Zeltinnendünen auf und auch in die Haare und überallhin. Wir evakuierten am nächsten Tag alles über Land, der Wind hatte das Meer für uns unbefahrbar aufgeschaukelt. Der Tag Urlaub wurde also um einen verschoben. Richtig angenehm wurde der auch nicht, da der Wind immer noch und wahrscheinlich bis heute rauscht. Auf der Donau ist gerade Hochsaison für den Fang des Scrumbie, die zum Laichen die Donau hinaufzieht. Da waren einige Fischer auch so wagemutig, mit ihren Bötchen bis aufs Meer zu fahren. Wir waren die Letzten, die sie hätten sehen können, da war uns oft bang, wenn das Boot hinter einer Welle verschwindet... Aber soweit wir mitbekamen, kam jeder wieder zurück.

Die Donau teilt sich kurz vor Tulcea in zwei Arme, den Kilia- und den Sulinaarm wobei sich der Sulinaarm nach Tulcea nochmals teilt und der südliche, der Sf. Georgearm von ihm abzweigt. Wir wählten auf Empfehlung den letzteren und ältesten der drei Mündungsarme um das schwarze Meer zu erreichen. Dieser war anfangs  noch recht ähnlich wie andere Bereiche weiter oben an der Donau, gesäumt von Pappeln und Weiden. Erst kurz vor Erreichen des Meeres tauchte das Schilf auf, welches wir später noch sehr viel sehen sollten. Überall entlang des Armes waren unzählig viele Fischer unterwegs um oben erwähnte Scrumbie zu fischen. Teilweise wohnen sie während der Saison in Planenhäusern oder Zelten entlang des Armes, der Fang wird zu Fischstationen gebracht, von wo aus er gesammelt nach Tulcea transportiert wird. So kam es, dass wir mit vielen Fischen im Gepäck  das schwarze Meer erreichten, denn immer mal wieder hatten uns Fischer herangewunken und etwas von ihrem Fang geschenkt.

 

Unser Ziel war seit langem, bis Ostern das Meer erreicht zu haben. Wir waren dann am Mittwoch vor Ostern dort. Am Ostersamstag, unserem mitteleuropäischem Termin, sind wir weiter gefahren, wir wollten noch ein paar Tage durch die Deltakanäle gondeln. In Rumänien wird Ostern eine Woche später nach orthodoxem, julianischen Kalender gefeiert.

Ein paar Worte zum Delta:

Das Donaudelta hat verschiedenen Bereiche. Indem die Donau sich in drei Arme spaltet, begrenzen der nördliche und südliche Arm den Deltabereich. Südlich schließt sich ein Lagunensee an. Der mittlere Arm ist für die Seeschifffahrt ausgebaut und kerzengerade. Das Delta erscheint im oberen Bereich wie das Donauufer häufiger, mit Pappel- oder natürlichen Auwäldern, oft gedeicht, viele Weidegründe. Dann ab etwa der Hälfte fängt das Sumpfland an, Schilfzone mit wechselnden, aber selten trockenen Gebieten, durchzogen von großen und kleinen Kanälen. Zwischendrin gibt es auch etwas höhere Wiesen und wenige hohe Dünen mit Hartholzwald. Es ist erstaunlich, wie enorm die Artenvielfalt zunimmt. Viele der z.B. Vögel könnten wohl weiter oben an der Donau auch leben, tun sie aber nicht oder nur wenig. Lebensgrundlage ganz vieler Tiere ist der Fischreichtum, der auch Menschen vieler Ethnien hierherbrachte. Den Deltabewohnern ging es damit wohl immer besser als vielen Fischern und Hirten in den anderen Ufergebieten Rumäniens und Bulgariens. Mit dem aufblühenden Tourismus kommt Geld in die Region, wenngleich die großen Hotels wohl eher extern finanziert sind. Hotels werden überall gebaut oder als Schiff durch die Kanäle gezogen. Die Kanäle sind zumeist angelegt, dementsprechend schnurgerade und die Ufer aufgeschüttet. Oder aber sie sind Rinnen im Schilf, dann aber nicht für den Tourismus freigegeben. Interessant zu befahren sind dann die Kanäle, die kleiner sind und sich durch die Landschaft winden und immer wieder schöne Bereiche freigeben. Wenn das Ufer gerade so ein wenig überflutet ist, ist es ein Paradies für Watvögel. Dann gibt es noch ganz viele Seen. Die wir gefahren sind, waren so von Schilf eingefasst, dass wir ganz froh waren um jene Bäume, die den weiterführenden Kanal begleiten. Das Schilf kann sich auch verselbstständigen und schwimmende Inseln bilden, Plattformen, die auf dem Wasser schwimmen. In diesem System klärt sich die trübe, grüne Donaubrühe zu einem klaren, wenn auch moorig-braunen Wasser und ernährt mit den Mitbringseln die Artenvielfalt.

 

In dieser Landschaft waren wie noch ein paar Tage unterwegs. Haben über die vielen schönen, fremden Vögel gestaunt, mit Wasserschlangen getanzt und manchmal stundenlang nichts gesehen ausser Schilf. Die Vielfalt in allen Bereichen ist wirklich erstaunlich und das komplette Leben ist ans Wasser angepasst. So sieht man mit etwas Glück auch Kühe und Pferde durch die Kanäle schwimmen - Brücken gibt es hier nicht.

 

In Crisan, einem kleinen Ort am Sulinaarm, haben wir dann unsere Bootsreise beendet und uns mit einer Mischung aus Wehmut und Vorfreude von der Donau verabschiedet. Wir haben das Boot auseinandergebaut, geputzt und getrocknet und schließlich zu vier Paketen verpackt. Haben unser Material gesichtet, uns von einigen Teilen getrennt und unsere Taschen neu gepackt. Schließlich hatten wir immernoch einen Haufen Gepäck, mit dem wir mit dem täglichen Schiff zurück nach Tulcea gereist sind. Das Boot ist nun auf dem Heimweg und wir haben die Fahrräder gesattelt und radeln Richtung Süden.