Eine Radwanderung

Tulcea - Malko Tarnovo

Nach der langen Zeit auf und mit dem Fluss war es wie ein Neuanfang als wir in Tulcea die Fahrräder sattelten und bepackten um uns auf den weiteren Weg zu machen. Im Bauch mischten sich Vorfreude und Spannung mit etwas Wehmut... Am dortigen orthodoxen Ostersamstag machten wir uns Abends kurzentschlossen auf den Weg, die Feiertage hatten uns etwas überrumpelt und wir wollten sie lieber auf der Strasse verbringen.

Wie es so ist auf Seehöhe, kann es eigentlich nur hinauf gehen und wir mussten unsere Beine und Hintern erstmal wieder an ungewohnt gewordene Bewegungsabläufe und den harten Sattel gewöhnen. So schnauften wir die ersten Hügel noch ganz schöne hinauf, haben uns mittlerweile aber gut an die gelegentliche Kletterei gewöhnt. So war das Reisen mit dem Fahrrad die ersten Tage noch sehr ungewohnt für uns. Wir sahen plötzlich so viel von der Landschaft wie vorher selten und auch sonst  blieb ein ständiges Vergleichen mit der Fortbewegung im Boot nicht aus. Beides hat seine schönen und anstrengenderen Seiten, wobei in der ersten Fahrradphase das Boot deutlich angenehmer schien. Kein ständiger Verkehr nach dem man sich richten muss und ein deutlich komfortableres Sitzgefühl. Nun mussten wir erstmal die neue Ordnung in den Fahrradtaschen durchschauen, konnten die Küche deutlich reduzieren, es kommt ja in fast jedem Dorf ein Laden und müssen plötzlich entscheiden welchen Weg wir nehmen wollen. Zudem kann jeder von uns seinem eigenen Fahrstil folgen – wir sitzen ja nicht mehr im gleichen Boot.

 

Von Tulcea aus fuhren wir entlang des Donaudeltabiospärenreservats auf kleinen Straßen durch die Dobrudscha nach Süden und konnten uns langsam von der Deltalandschaft verabschieden. Die Dobrudscha ist eine hügelige Landschaft, auf dem Gebiet von Rumänien und Bulgarien, die vor Allem für Ackerbau in riesigen Dimensionen und der Tierhaltung zur Selbstversorgung dient.  Seit langer Zeit wird sie von einem vielfältigen Völkergemisch besiedelt und auch heute noch sieht man verschiedene Baustile und trifft auf blonde Menschen die untereinander Russisch sprechen.

Die Hafenstadt Constanta war unser erstes Ziel. Dort mündet der Donau-Schwarzmeer Kanal in das schwarze Meer und mit ihren riesigen Hafenanlagen ist die Stadt ein wichtiger Anlaufpunkt für den Frachtverkehr auf Meer und Fluss. Begrüßt wurden wir von Bettenburgen mit denen die Rumänen hier ihr Stückchen Schwarzmeerküste zupflastern, die aber um diese Jahreszeit noch leer und zum grossen Teil auch erst im Bau waren. Der Stadt konnten wir nicht sehr  viel abgewinnen, mussten aber auch viel Energie aufwenden um nicht im chaotischen Verkehr unterzugehen. So beschlossen wir denn auch unseren Weg nicht wie gedacht der Küste entlang fortzusetzen, sondern lieber kleinen Strassen im Hinterland zu folgen. So entgingen wir dem mörderischen Verkehr der großen Küstenstraße und dem starken Meerwind und konnten uns in Ruhe die Landschaft anschauen.

 

Der Verkehr scheint fürwahr mörderisch in diesem Teil. Zahlreiche Kreuze am Straßenrand ließen uns unsere Fahrradhelme aufsetzen und bei den überfahrenen Tieren versäumten wir das Zählen, sahen aber neben zahlreichen Hunden viele Igel, einen Dachs, einen Fasan, eine wunderschöne Smaragteidechse und eine Wildkatze. Wir hätte sie lieber lebendig gesehen, so blieb uns leider oft nur noch das Beiseiteräumen worum sich sonst keiner zu scheren scheint.

 

In Bulgarien setzte sich die Dobrudscha mit ihren riesigen Getreidefeldern und flachen Hügeln fort. Richtig schön wurde es weiter im Süden. Hier kamen höhere Berge, das Auf und Ab wurde mehr, wofür wir mit einer abwechslungsreichen wunderschönen Landschaft belohnt wurden. Großlandwirtschaft lohnt sich dort nicht mehr und man sieht die Menschen ihre kleinen Felder mit Pferd und Esel, teilweise nur mit Hacke bearbeiten. Ich bewundere diese einfachen Menschen, die angesichts der großen modernen Maschinen auf diese mühsame und harte Weise ihre Nahrung erzeugen müssen und dabei nicht verrückt werden vor Ungerechtigkeit. Die Diskrepanz zwischen der einfachen, armen Lebensweise einerseits und dem modernen Leben vornehmlich in den Städten andererseits ist hier am Ende Europas deutlich größer als wir es kennen. Die Tiere dürften allerdings zu den glücklichsten in Europa zählen und kaum einer kommt auf die Idee sie nicht draußen weiden zu lassen. Näher am Geschehen, konnten wir nun oft die Milch direkt vom Bauern bekommen und die Kühe persönlich kennen lernen.

 

Eines Abends radelten wir gemütlich durch das letzte Dorf, mit Wasser waren wir versorgt und liebäugelten noch mit einem Feierabendeis, da tauchten vier bepackte Fahrräder am Straßenrand auf. Die Besitzer saßen gerade bei einem Bier und ziemlich überrascht setzten wir uns dazu. Schnell war die Entscheidung klar die Nacht gemeinsam an einem Ort zu verbringen und so wurde es ein langer Abend mit einem regen Austausch über Räder, Material, Routen und Lebensweisen als Langzeitradler. Besonders Letztere unterscheiden sich durchaus. Zwei von ihnen sind auf dem Weg von Oslo nach Peking (in zehn Monaten), ein Freund begleitet sie für ein paar Tage und Adam radelt von Prag nach Syrien. Den nächsten halben Tag radelten wir zu sechst was für die Menschen am Wegesrand sicherlich seltsam war. Mittags trennten sich unsere Wege und wir fuhren in unserem gewohnten Rythmus weiter, der etwas langsamer ist und von vielen Pausen geprägt wenn am Straßenrand fremde Blumen und Tiere auftauchen oder es sonst etwas zu sehen gibt. Die Vegetation verändert sich und wir treffen auf viele Pflanzen und Tiere die wir nicht oder nur in anderer Form kennen.

  

   

Auf sehr kleinen Straßen ging es der türckischen Grenze entgegen durch das Strandschagebirge welches sich frühlingsgrün bewaldet über das bulgarisch-türkische Grenzgebiet erstreckt und das größte Naturschutzgebiet Bulgariens ist, in dem sogar Wölfe, Schakale und Wildkatzen leben. Eine der schönsten Strecken bisher und sehr dünn besiedelt. In Malko Tarnovo, der letzten bulgarischen Stadt, trafen wir zufällig auf ein schönes Projekt welches uns ein gutes Gefühl mit auf den Weg gab, nachdem neben der Naturschönheit auch einige trotstlose Eindrücke enstanden waren. Der Klub „Freunde der Erde“ hat zum Ziel Kinder und Jugendliche für die Natur zu sensibilisieren wobei bespielsweise gemeinsam Bäume gepflanzt und Müll gesammelt wurden. Zum Anderen werden Ausfllüge angeboten um den Jugendlichen, die sonst manges finanzieller Möglichkeiten nicht aus der Stadt herauskommen dies zu ermöglichen und einen Einblick in ihr Land zu geben. Das Projekt wird in Kooperation mit der EU finanziert, wodurch die Aktivitäten für die Jugendlichen kostenlos angeboten werden können. So einfach die Bemühungen scheinen, so ungewöhnlich ist es unserem Empfinden nach hier.

Nun kam wieder ein Abschied von einem liebgewonnenen Land und der Schritt in ein Neues. Besonders in Bulgarien ist uns immer wieder aufgefallen wie tief unsere gewohnte Gestik in uns verwurzelt ist und wie schwer zu ändern. Hier schüttelt man nämlich zur Bestätigung den Kopf und nickt zur Verneinung. Selbst wenn man es rausgefunden hat führte dies immer wieder zu verwirrenden Situationen, da es gerade bei der Gestik auf Spontanität ankommt und man, der fremden Sprache nicht mächtig, diese besonders ausgeprägt ausdrücken will. Und verwunderlich ist es auch, wenn man nach Käse fragt und nach der verstandenen Verneinung gefragt wird wieviel man denn haben möchte. Andere Gesten übernimmt man deutlich schneller und leichter, aber wir sind froh, dass man in der Türkei auch nickt um Ja zu sagen.