Eine Radwanderung

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Nachdem wir durch drei Schranken aus Bulgarien entlassen waren, saßen wir auf türkischer Seite erstmal fest. Ein Gewitter entlud sich in den Bergen und ließ uns unterm Dach in Sicherheit abwarten während Busladungen voll türkischer Familien zwischen Passstelle und Duyfreeshop verwundert unser Gefährt musterten.

Dieses Land, welchem für unsereinen nur schwer ohne vorherige Vorstellungen und Bilder zu begegnen ist, hieß uns aufs herzlichste Willkommen. Überall wurden wir freundlich begrüsst und täglich mehrfach zum Tee geladen. In den Teehäusern haben die Männer ihren Bereich zum Tratschen, Spielen oder Zeitunglesen und wir wurden bei dem ein oder anderen Tee – natürlich mit viel Zucker - ausgefragt. Die wichtigsten Fragen neben dem Wohin und Woher sind die nach Beruf und Kindern sowie der Anzahl der gefahrenen Kilometer. Da Fremdsprachenkenntnisse in den ländlichen Regionen nicht sehr verbreitet sind und auch der Schulunterricht nciht viel herzugeben scheint, lernen wir schnell die ersten Wörter und für alles Andere gibt es Papier und Stift oder Pantomime. Nur, dass ein „Kajak“ hier etwas mit Skifahren zutun hat, haben wir erst nach einigen Tagen herausgefunden. Tee wird nicht nur im Teehaus getrunken und so sieht man oft wie er auf Tablets oder in kegelförmigen Gefäßen irgendwohin getragen wird.

 

Eigentlich überall findet sich jemand der irgendeinen Verwandten in Deutschland hat und als wir für eine Nacht in ein kleines Sommerrestaurant auf einem Piknikplatz eingeladen werden, rief der Besitzer gleich seine Tochter in Deutschland an damit wir mit ihr und ihrem Sohn telephonieren konnten. Einige Male passierte es uns auch, dass wir plötzlich in perfektem Deutsch angesprochen wurden – besonders überraschend wenn es sich dabei um einen ausgeprägten Dialekt handelt.

Unser Weg ging von der Grenze nach Süden und auf kleineren Straßen in Richtung Istanbul. Die Landschaft blieb hügelig, wobei türkische Straßenbauer offensichtlich dazu neigen möglichst viele Hügel in die Strecke einzubinden und die Straße schnurgerade über diese zu führen – Serpentinen sind nicht sehr beliebt. Die Autofahrer verhalten sich etwas rücksichtsvoller als in Rumänien und Bulgarien und sind nicht weniger begeistert wenn sie zwei Radfahrer treffen. Dies wird druch kräftiges Hupen im Vorüberfahren zum Ausdruck gebracht, wobei diese nett gemeinte Geste nach einem Tag mit mehreren hundert Begegnungen dieser Art trotz einer Vielzahl an Huptönen sehr anstrengend wird. Wir sind froh, wenn wir morgens früh wegkommen, denn dann sitzen die Hände noch nicht ganz so locker an der Hupe.

 

Im Delta hatte ich sehr gehofft Schildkröten zu sehen, dafür war es aber noch zu früh im Jahr. Umso faszinierender war es als ein vor uns die Straße querender Igel sich als Schildkröte entpuppte. Dieses uralt wirkende Tier wirkte etwas fehl am Platz auf dem Beton und verzog sich auch gleich wieder ins Gebüsch.

 

 

 

Eine weitere Begegnung wie aus einer anderen Zeit machten wir eines Nachmittags. In einem Wäldchen neben der Straße war eine Köhlerei in der traditionell Holzkohle hergestellt wird. Vier Männer arbeiteten dort und ließen uns gerne bei der Betreuung eines brennenden Köhlers und dem Aufbau zweier weiterer zuschauen. Eine Wissenschaft für sich den Meiler richtig zu steuern und eine Knochenarbeit. Anschließend wurden wir von der Familie des „Patrons“ zum Picknick eingeladen und lernten Wasser in Yoghurtbechern kennen.

 

Je näher wir Istanbul kamen umso städtischer wurde es. Dabei verfuhren wir uns kräftig und brauchten sehr lange und viele Nerven um mit Hilfe schlechter Karten, verwirrender Ratschläge und Wegangaben den richtigen Weg wiederzufinden. Den Tag rettete dann Mustafa, der uns Abends an einer Tankstelle hocherfreut entgegenkam und auf einen Kebab, frisch über Holzkohle gegrillt, einlud. Tankstellen waren unsere stetigen Anlaufpunkte um eine Türkeikarte zu suchen und Matthias superlaute Hupe mit neuer Luft zu versorgen. Mit ihr fand er viele Freunde, denn die Tankstellenmitarbeiter waren natürlich verwundert warum er Luft in den Lenker pumpt und wollten alle mal ausprobieren.

Den nächsten Tag stürzten wir uns in den Istanbuler Stadtverkehr. Chaotisch und jeden vorhandenen Platz nutzend bewegt man sich vorwärts. Anfangs benötigt man etwas Mut um sich seinen Platz zu erobern, wenn man es einmal raus hat fließt es mehr oder weniger. Aber es benötigt viel Konzentration, Schnelligkeit an den Bremsen und genügend Pausen. Wir brauchten fast den ganzen Tag um Istanbul zu durchqueren, da wir ans andere Ende der Stadt und auf den höchsten Punkt hinauf mussten. Dort wurden wir von Burkay empfangen bei dem wir einige Tage bleiben werden. Wir werden 8-10 Tage in Istanbul bleiben und uns neben der Einfühlung in den türkischen Lebensrythmus einigen Recherchen, dem Besorgen von Fahrradteilen und Karten widmen um den weiteren Weg zu finden.