Eine Radwanderung

Ünye - Trabzon [Bilder]

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Linker Hand das Meer, rechts wunderschöne, herrlich grüne Berge - es könnte so schön sein..... Und das ist es auch wenn man es schafft die zweispurige Transitstraße, die meist direkt am Meer entlang führt, zu übersehen, den Verkehr ignoriert und den Blick auf die kleineren Orte und älteren Häuschen richtet, die man gelegentlich zwischen den vielen, vielen Wohnblöcken entdecken kann. All dies prägt mehrheitlich das Bild der Schwarzmeerküste hier zwischen Ünye und Trabzon. Der Vorteil ist, man kommt schnell voran, die Straße ist neu und entsprechend gut und wir können nicht behaupten wir hätten vorher nichts gewusst. Vielleicht sind wir auch nur verwöhnt von den teils sehr einsamen Strecken zuvor.

Statt den Blick gemütlich durch die Landschaft wandern zu lassen, hier und dort anzuhalten um die Landschaft zu genießen und den Menschen manchmal fast durchs Wohnzimmer zu fahren (gefühlt), ist hier mehr Konzentration auf den Verkehr gefordert. Auf Autos die auch mal rechts überholen und die den Blinker gewissenhaft ignorieren wenn sie knapp vor einem Abbiegen. Dies sind allerdings eher seltenere Fälle und wir fühlen uns sicher auf dem breiten Seitenstreifen, der nur in den Tunneln eingespart wird.

 

Und es ist schön hier, da wir meist den größten Teil des Tages nicht unbedingt auf dem Fahrrad verbringen und verlockende Einladungen uns an Rekordstrecken hindern. Das Bild der Küste ändert sich auch schnell, wenn man einen der Strände gefunden hat oder rechts in einen kleinen Weg einbiegt und so mitten in Haselnussplantagen gelangt. Dies sind auch unsere bevorzugten Übernachtungsplätze hier.

Das Wetter ist weiterhin hochsommerlich und auch wenn es mal regnet, ist es doch immer warm. Unsere T-shirts verlieren aufgrund des ein oder anderen vergossenen Schweißtropfens langsam die Farbe und viel öfter nutzen wir die Gelegenheit eines Flusses für eine Wäsche und drapieren die umliegenden Büsche und unsere Fahrräder anschließend damit. Praktischerweise ist alles meist nach einer Mittagspause schon wieder trocken.

Wir haben unseren Rythmus etwas umgestellt. Wir kommen morgens früher los und machen mittags eine längere Pause, in der wir kochen, wenn möglich im Meer schwimmen und uns ausruhen. So können wir Abends länger fahren wenn es wieder angenehmer ist und kommen ohne kochen schneller ins Zelt.

 

Die Schwarzmeerküste scheint touristisch wenig erschlossen zu sein. Das schließen wir jedenfalls aus der Aufregung und den Menschenaufläufen, die unser Auftreten auch hier regelmässig verursacht. Selbst wenn wir ohne Fahrrad und Gepäck unterwegs sind - die Sache also nicht sonderlich spektakulär wirkt, werden wir oft angesprochen. Direkt an der Küste steigen die Berge des pontischen Gebirges, im Osten Kackar Berge (Kleiner Kaukasus)  genannt, bis knapp 4000 müNN hinauf. Dies sorgt für eine sehr niederschlagsreiches Klima welches verbunden mit Wärme ein ideales Anbaugebiet für Haselnüsse und Tee, in kleineren Mengen auch Obst, Oliven und Zitrusfrüchte, ergibt. Von Ünye aus erstreckt sich die sogenannte Haselnussküste nach Osten wo sie zwischen Trabzon und Rize von der Teeküste um Rize abgelöst wird. Die Früchte tauchen in den Wappen vieler Städte auf und begründen u.a. einen gewissen Wohlstand in der Region. Auch wir gönnen uns den Luxus, können bei Straßenständen nicht widerstehen und essen Haselnüsse, verkochen sie und lassen die Kekse Kekse sein.

 

Allerdings sind Leben und Arbeit in den Bergen auch sehr hart und gerade die jüngeren Menschen ziehen es vor ihr Glück in den Städten zu versuchen. Wir hörten auch Klagen, dass man nicht mehr genug Menschen fände, die bereit seien alte Plantagen zu bewirtschaften. Nichtsdestotrotz erzählt fast jeder stolz von "seinem Dorf" - meist der Ort der Kindheit wo heute noch Eltern oder Verwandte leben. Nachdem wir eine Nacht bei ihnen übernachtet hatten, machten wir einen Tage einen Ausflug mit Bolat und Ayla in "ihr Dorf". Sie arbeiten beide in Stuttgart und sind momentan im Urlaub hier. Ein Auto wurde organisiert und in türkischer Manier fuhren wir zu sechst in die Berge. Während Bolat fröhlich den kurvigen Weg hinauffuhr, manchmal scheinbar  die Möglichkeit eines entgegenkommenden Fahrzeuges vergessend, erwähnte er beiläufig, dass er gar keinen Führerschein habe. So sehr man die Ordentlichkeit der Deutschen schätzt und dies betont, man ist eben doch türkisch.

Das Dorf liegt wunderschön in den Bergen, die Haselnüsse und Hausgärten klammern sich an steile Hänge und das Erdbeerenpflücken ist nicht ganz einfach. Hier wohnt ihre Mutter, die sich nur für den Winter überreden lässt in der Stadt zu wohnen und hier den Sommer über alt und krumm und fleißig einen großen Garten berwirtschaftet. Während Matthias dem Onkel die Reiseroute erläutert und von Bolat den Islam erklärt bekommt, werde ich von der weiblichen Verwandtschaft eingenommen und ebenso feucht liebevoll abgeknutscht wie die eigenen Enkel. Sie würden uns am liebsten da behalten.

 

karadeniz 02Das schlägt uns auch Songül vor als wir einige Tage später den Vormittag dort verbringen. Wir hatten in einer Haselnussplantage übernachtet und wurden beim Frühstück von ihrer Mutter und Tochter entdeckt. Das erste Teeangebot schlugen wir noch aus, als Elif dann mit ihrer Mutter wiederkam konnten wir nicht nein sagen. Diese Einladungen sind immer etwas Besonderes, da wir Kontakt zu den Frauen und Kindern bekommen und ihre Lebenswelt kennenlernen. In der Öffentlichkeit sind Männer hier viel stärker vertreten, in den Teehäusern, Läden und auf der Straße, während der Lebensmittelpunkt der Frauen eher zuhause liegt und sich somit unserem Erleben weitestgehend entzieht. Wir verbringen einen Vormittag und Mittag mit Songül (30) und ihren drei Kindern (12,8,6) und später noch weiteren Verwandten. Die zwölfjährige Elif soll übersetzen, nach den ersten Sätzen wechseln wir aber wieder ins türkische so gut es geht. Mittags gibt es Essen und anschließend viel Arbeit. Eine riesen Menge Reis ist dazu bestimmt, in eine riesen Menge Kohlblätter gewickelt zu werden - Dolma. Dazu sitzen die Frauen um einen niedrigen Tisch. Ich werde aufgefordert mitzumachen, das Ergebnis wird nach einer Weile dem der anderen Frauen ähnlich, ich bin aber lange nicht so schnell wie sie und komme mir etwas unbeholfen vor. Auch Matthias beteiligt sich, was ein herzhaftes Lachen bei den Frauen hervorruft. Das ist Frauenarbeit! und auch wenn sie ihn nicht daran hindern, so ist es doch mehr als ungewohnt für sie, einen Mann bei der Hausarbeit zu sehen. Die Rollen sind strikt verteilt, man verbringt die Zeit eher mit Freunden des gleichen Geschlechts oder in der Familie. Die Menschen erscheinen uns konservativer je weiter wir uns nach Osten begeben und je weiter wir vom Meer entfernt sind. Besonders auf dem Land ist das Kopftuch sehr weit verbreitet, hier in den Städten mischt es sich mit mehr Offenheit.

Immer wieder wird uns bewusst, wie priviligiert wir mit unserer Herkunft sind, mit der Möglichkeit uns eine solche Auszeit zu nehmen und dieser Freiheit. Eine Frau sagt uns, dass sie uns bewundere und so etwas auch gerne machen würde, aber als türkische Frau könne sie doch nicht Fahrradfahren. Das nicht-Können im Sinne von einem gesellschaftlichen Zwang. Dabei wird man vor Arbeit nicht geschont als Frau hier. Allein das Einkaufen für eine Großfamilie ist eine Schlepperei die mit Hilfe von Ziehwägelchen und zum Tragen rekrutierten Kindern oder Enkeln bewältigt wird.

Aber auch die Erwerbssituation für einen Mann ist nicht nur einfach. Adnan (18), den wir auf der Burg von Giresun trafen, arbeitet dort an einem Köftestand. Er steht dort täglich bis zu sechzehn Stunden, sieben Tage die Woche für 5,- Euro/Tag. Kein wirklicher Spaß, aber Frau und Kinder müssen ernährt werden und wir verstehen, warum viele so stolz auf studierende Söhne und Töchter sind.

Diese Erlebnisse sind unsere unterwegs gemachten und die Lebensweisen sind sehr unterschiedlich zwischen Land und Stadt. In den grösseren Städten ähnelt es viel mehr dem unseren, auf dem Land ist es noch sehr anders.

 

Seit vier Tagen sind wir nun in Trabzon, der größten Stadt an der östlichen Schwarzmeerküste und der eigentliche Grund warum wir an der Küste entlang fahren. Wir müssen langsam an die nähere Zukunft denken - Visa beantragen. Und das soll für den Iran hier in Trabzon gut gehen. So machen wir uns etwas aufgeregt auf den Weg zum Konsulat, wir haben vor einigen Tagen zwei Franzosen getroffen denen es abgelehnt wurde und die das auch von anderen erzählten. Der Konsular ist sehr freundlich, wir fühlen uns schon hier wie Gäste und bekommen Orangensaft serviert während wir warten. Knapp drei Stunden später verlassen wir das Konsulat glücklich wieder, die Visa im Pass. Wir hatten mit einer Woche Wartezeit gerechnet.

 

karadeniz 01So können wir uns entspannt der Stadt und unseren Gastgebern widmen. Wir besuchen die hiesige Ayasophia und machen einen Ausflug mit einem holländischen Journalisten den wir dort trafen. Das Felsenkloster Sümela in den Bergen ist das Ziel. Eine alte Klosteranlage, hoch an den Felsen gebaut mit einer wunderschönen Felsenkirche voller Fresken. Am meisten faszinierten uns die Kritzeleien a la "ich war hier" aus dem 18./19. Jahrhundert und früher. Das Wetter ist passend mystisch vernebelt und der Zigangapass, den wir anschließend ansteuern in dichtes Weiß gehüllt.

Die restliche Zeit verbringen wir damit durch die Stadt zu schlendern und mit langen Abenden bei Ömer und seinen Freunden. Eigentlich wohnen sie zu zweit dort, momentan sind außer uns noch zwei Freunde zu Gast. Nur mit Ömer können wir problemlos  Englisch sprechen, mit den anderen klappt es aber auch in einem Kauderwelsch aus englisch und türkisch. Es ist mal wieder ein toller Austausch und schön, einige Tage an einem Ort zu verbringen.