Eine Radwanderung

Trabzon - Hopa [Bilder]

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Ein starker Teeduft weht uns um die Nase, ab und an fliegen um uns auch Teeblätter herum, wenn ein LKW mal wieder so voll beladen ist, dass die Plane das frisch gepflückte Gut nicht halten kann - wir sind an der Teeküste angekommen, die sich rund um die Stadt Rize erstreckt. Gerade ist Erntezeit und wir sehen immer wieder Häuser, die offensichtlich als Sammelstellen für den gepflückten Tee dienen. Dieser wartet dort dann in ein großes Tuch oder eine Plane gebunden auf die Abholung durch einen LKW der ihn zu einer der vielen Teefabriken bringt. Dort wird der Tee verarbeitet, wobei sich in der Umgebung ein starker Teegeruch ausbreitet....mmh! Teefabriken gibt es viele, sie gehören aber im wesentlichen zu einer Firma die sich in staatlichem Besitz befindet. Wie genau der Tee geerntet wird, konnten wir nicht feststellen da wir nie jemanden bei dieser Arbeit beobachten konnten. Die Teeplantagen erstrecken sich von direkt neben der Straße bis hoch in steile Hänge und oft ist nicht zu erkennen wie die Menschen sich zwischen den Teebüschen bewegen können, denn es sind keine Wege o.ä. erkennbar. Von den höheren Gärten gibt es meist einfache Seilbahnen, die den Tee hinunter zur Straße befördern.

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Der Tee hat den Kaffee als "Türkentrank" längst abgelöst, wenn dieses Lied das wir als Kinder lernten nicht ohnehin ein Gerücht verbreitet. Getrunken wird eindeutig Tee und zwar von jeder und jedem und wann immer möglich. Jetzt in der wärmeren Jahreszeit ergänzt durch Wasser und Ayran, aber ohne einen Tee geht nichts. Wir haben schon oft genug von den vielen Teeeinladungen berichtet die wir in diesem Land genießen durften, aber dennoch bin ich immer wieder fasziniert wie durchgängig ein Getränk in allen gesellschaftlichen Schichten und Kreisen etabliert ist.

 

Und wir hatten ein Ziel, als wir Trabzon verließen, die Stadt Ardesen und von dort aus die Berge. In Trabzon hatten wir Murat kennengelernt, der am Bau der neuen Küstenstraße beteiligt ist und so bot es sich an, die Räder und das Gepäck bei ihm in Ardesen unterzustellen. In zwei kurzen Tagen fuhren wir also dorthin, genossen die Schnelligkeit der Strasse und das schnelle Vorwärtskommen und dort die Übernachtungsmöglichkeit in der Basisstation der Strassenbauer.

 

Am nächsten Morgen machten wir uns mit einem Minimum an Dingen ausgerüstet (Rucksack, Regenzeug, Kamera, Zahnbürste und Essen) auf den Weg. Von Ardesen aus führt eine Straße in den Bergort Ayder, der für seine heißen Quellen bekannt ist und besonders von türkischen Ausflüglern fleißig besucht wird. Wir wollten trampen, was auch super funktionierte. Zuerst nimmt uns ein LKW mit großer Laderampe mit, auf der bereits vier Jugendliche sitzen. Einer von ihnen ist ganz begeistert von Matthias' Bart und während er ihn immer wieder mit der Hand inspiziert erzählt er, dass er auch gerne einen hätte, sein Vater ihm das aber verbieten würde. Dies ist eine der wirklich wenigen positiven Reaktionen hier in der Türkei. Obwohl es hier durchaus Bartträger gibt und Matthias auch nicht gerade einen langen Rauschebart hat, wurde ihm öfter angeraten ihn doch abzuschneiden. Ein kleiner Junge, der in Amasya nebenan beim Barbier arbeitete, bot jedes Mal wenn er uns sah eine Bearbeitung desselben an, die Matthias ebenso regelmässig ablehnte.

Im letzten größeren Ort Camilhemsin stiegen wir aus um uns noch mit Essen einzudecken und auch eine Karte zu beschaffen, denn alles was wir dazu gefunden hatten war nicht gerade Wandergeeignet. Über zwei Ecken wurden wir an einen Souvenirladen vermittelt der uns eine handgezeichnete und kopierte Karte der Gegend verkaufte. Besser als nichts, aber auch nicht wirklich gut und irgendwie in den Proportionen verzerrt wie wir im Laufe der Zeit feststellten.

Nun ging es an die Weiterfahrt und kurzentschlossen machten wir uns doch nicht Richtung Ayder auf den Weg, sondern wählten den Weg in ein anderes Tal. Glücklicherweise wurden wir von drei Männern der Nationalparksverwaltung mitgenommen, die weit in das Tal hineinfuhren. Wir schaukelten auf mehr als schlechten Wegen durch enge Täler, besuchten einen Fischwirt um Mittagessen zu beschaffen und kamen schließlich in Elevit an. Ein kleines Dorf in dem sich weitenden Tal welches wie die vielen Bergdörfchen nur im Sommer bewohnt und bewirtschaftet wird.

Die hiesige Alpwirtschaftsform nennt sich Yayla und unterscheidet sich von der Alpform wie wir sie aus der Schweiz oder Österreich kennen. Während dort nur ein Teil der Familie, mittlerweile häufig Fremdarbeiter wie ja auch wir es waren, für den Sommer auf die Alp, die höher gelegenen Weidegebiete zieht, siedelt hier traditionell die ganze Familie für den Sommer auf die Yayla um. Die dortige Aufenthaltsdauer variiert je nach Lage und Fläche und bewegt sich zwischen drei und fünf Monaten. Jede Familie kommt mit ihrem eigenen Vieh und kümmert sich auch um dieses wie auch um die Milchverarbeitung. Eine Kollektivierung wie wir es kennen scheint hier nicht zu existieren, aus welchen Gründen auch immer. Gelegentlich kommt bei uns doch die Frage auf, ob es anders nicht rentabler und für alle einfacher sei, aber hier ist es eben so und ein alter Mann erzählt uns beim Mittagessen stolz von seiner einen Kuh die demnächst mit seiner Frau auf die Yayla nachkomme.

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Die Häuser sind urig und wirken wunderschön in dem Stolz den sie ausstrahlen mit ihren dicken Mauern aus Stein und den Blechdächern. Immerhin müssen sie angeblich bis zu zehn Meter dicke Schneedecken tragen und die vielen Lawinenopfer die wir sehen tun uns weh. Die Yaylas bestehen aus mehreren Häusern die in Siedlungen angeordnet sind. Um die Häuser herum gibt es oft Nachtweiden, durch Steinwälle begrenzt und man bewegt sich auf kleinen Wegen zwischen diesen Wällen. Es ist auffällig wie sich die Bauformen je nach Siedlung unterscheiden. Mal sind die Häuser nur aus Steinen, gerade behauen mit winzigen Fenstern, mal sind sie eine Mischung aus Steinen im unteren Bereich und Holz als Aufbau. Fast immer findet sich ein Stall dabei, oft direkt angeschlossen oder unten unter dem Wohnbereich. Insgesammt erinnert es sehr an die Schweizer Alpen bevor dort Betonställe und geflieste Käsereien Einzug hielten.

 

Von Elevit aus wandern wir drei Tage durch die Berge. Genießen die Ruhe, die Blumen, die andere Bewegungsform und den Himmel über uns. Dieser schickt leider regelmässig zur Nachmittagszeit graue Wolken, die sich in den ersten zwei Tagen als Gewitter entladen. Die erste Nacht finden wir eine verlassene Yayla, seit 1994 nicht mehr bewirtschaftet, und dort eine offene Tür und Decken in der Hütte nebenan. Diese leihen wir uns für eine Nacht in der alten Hütte mit einem Dach, das Sterne vermuten lässt die Löcher im Blech über uns sind. Zum Glück findet sich eine Ecke die trocken genug ist. In den steinernen Wänden finden sich noch die Werkzeuge aus den letzten Jahren und die Dächer werden teilweise von einer Vielzahl von Holzpfählen gestützt.

Den nächsten Tag geht es ins nächste Tal und eigentlich über noch einen Pass, aber eın Gewitter macht uns einen Strich durch die Planung. Wir kehren um ins letzte Dorf wo uns Mustafa anspricht und sofort in seine Hütte einlädt. Er verbringt den Sommer hier auf der Yayla, zusammen mit seinem Neffen Ali, 6 Kühen, 16 Rindern und einem Pferd. Die Rollen sind klar verteilt und wir werden herzlich empfangen und sind froh über eine trockene Unterkunft. Der Tourismus ist in diesem Tal noch nicht angekommen und das Zelt war uns zu schwer. So hat uns das Glück mal wieder geholfen und wir bekamen einen kleinen Einblick in die Alpwirtschaft hier, auch wenn viele Fragen uns noch auf den Lippen brennen und wegen der mangelnden gemeinsamen Sprache nicht gestellt wurden.

Die Sonne weckt uns früh und so geht es auch früh weiter am dritten Tag. Wir wollen nach Kavron, einer Siedlung oberhalb von Ayder. Wir wandern und wandern, nach jedem Pass kommt doch ein neues kleines Tal und endlich können wir auf einen Ort herunterschauen. Allerdings ist der Abstieg utopisch, die Talwände zu steil und mal wieder ist kein Weg erkennbar. So suchen wir uns einen anderen Weg, quer durch hohe Rododendren und treffen am späten Mittag auf die nächste Yayla mit Menschen. Wir haben Glück, denn die Menschen ziehen gerade erst hinauf. Wir werden ungefragt bewirtet und schließlich auf den Weg nach Ayder geschickt. Hier stellte sich die Fehlproportionierung unserer Karte heraus, glaubten wir bis dahin doch viel weiter Talaufwärts rauszukommen. Wir trafen den ersten Wegweiser und begaben uns auf den Pfad ins Tal. Hätten wir gewusst was uns erwartet, hätten wir uns vielleicht anders entschieden. Der Weg ging erst lange an einem Tal entlang, bergauf und dann auf etwa gleicher Höhe weiter. Der Abstieg war dann die Herausforderung der ganzen Unternehmung und schon nach der Hälfte meinten wir nicht mehr zu können. Die engen Serpentinen an dem steilen Hang waren glitschig rutischig und man musste höllisch aufpassen nicht auf der Abkürzung ins Tal zu gelangen. Irgendwann verzehrten wir noch den letzten Krümel Halva, mehr hatten wir nicht zu Essen und waren sehr froh, als wir wirklich im Tal angekommen waren.

 

Hier in Ayder sind wir erstmal etwas überfordert nach den drei einsamen Tagen und dem Abstieg. Der Ort ist gut besucht, entsprechend reihen sich Stände aneinander die Tücher, Hemden, Hüte und sonstige Dinge der Region verkaufen. Dazu viele kleine Restaurants und große Hotels. Wir kommen in der ältesten und kleinsten Pension unter und sind glücklich die dreckigen Beine hochlegen zu können.

Eigentlich wollen wir nur noch die warmen Quellen besuchen, ein kleiner Abstecher ist aber noch drin denke ich und kann Matthias überzeugen. Aus dem kleinen Abstecher wird eine Fahrt nach Yukari Kavron mit einer Wanderung zu vier bekannten, wunderschönen Seen. Diese befinden sich hoch in den Bergen, wunderschön zwischen hohen Gipfeln, nur leider ist der Weg dorthin nicht gut zu finden und so wandern wir auf Umwegen immer höher, vermuten sie in jedem neuen Talkessel und entdecken sie schließlich viel höher als vermutet. Wir sind wieder fünfeinhalb Stunden unterwegs und kommen erst Abends wieder in Ayder an. Die warmen Quellen werden auf Georgien verschoben und wir trampen zurück nach Ardesen.

 

yayla 2Hier werden wir in der Straßenbauerbasisstation freudig begrüsst. Bereits bei der ersten Übernachtung waren wir herzlich in den Kreis der hier arbeitenden Männer aufgenommen worden und auch jetzt verbrachten wir wieder einen schönen Abend. Wir erklärten auf Türkisch unsere Unternehmung und tauschten uns in einem bunten Kauderwelsch bei viel Tee aus. Es war ein bischen wie nach Hause kommen und Zimmer 5 und 6 im Wohncontainer waren immer noch frei.

 

So verabschieden wir uns mit viel Natur von der Türkei. Das Land hat uns sehr gut gefallen und so herzlich wie wir überall empfangen wurden, tut uns der Gedanke oft weh wie wenig freundlich die vielen Menschen aus anderen Ländern in Deutschland oft behandelt werden. Man kann immer viel von anderen lernen und wir wünschen uns viel mehr Menschen in Deutschland die spontan ihren Arbeitskollegen, Nachbarn oder Imbisbudenbesitzer bei sich willkommen heißen zu einem Tee oder Kaffee und einem spannenden Einblick in eine fremde Kultur.



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