Eine Radwanderung

Hopa - Tiflis [Bilder]

 

 

Diese Frage stellt uns ein Mann am Straßenrand. Wir sind auf dem Weg zum Goderzi Pass und hier scheint Fahrradfahren ebenso unpopulär wie in der Türkei, Jugendliche ausgenommen. Bis vor wenigen Jahren war es gar fast unmöglich, in Georgien ein Fahrrad zu kaufen und man galt mindestens als nicht ganz zurechnungsfähig wenn man als Erwachsener auf einem solchen herumfuhr. Dies scheint sich langsam zu ändern, dennoch gehen viele Menschen davon aus, wir müssten irgendwo einen Hilfsmotor o.ä. haben. Ein Mann findet sich aber auch, der ohne zu zögern seinen Lada gegen mein Fahrrad tauschen will, aber von der Idee bin ich nicht begeistert.

 

 

 

Von Hopa hatten wir es nicht mehr weit bis zur Grenze. Wir radelten an vielen Klamottenläden vorbei - Grenzshopping, tranken hier unseren letzten Tee und dort unseren letzten Ayran. Die Grenzstation ist neu, groß und auf den ersten Eindruck einschüchternd, die Prozedur dem noch nicht angepasst und es geht chaotisch zu. Wir werden freundlicherweise an den vielen Autos vorbeigewunken und möchten auch nicht mit den LKW-Fahrern tauschen, deren Grenzstau mehr als zehn Kilometer vor der Grenze beginnt. Man kennt das und ist mit Kisten voll frischem Gemüse ausgerüstet um sich die Zeit mit Picknick und Plaudern zu vertreiben. Wir werden eingeladen, wollen nun aber auf die andere Seite des Zaunes und ein Gewitter sitzt uns im Nacken. So werden wir auch hier, wie schon am ersten Abend in der Türkei, von einem heftigen Gewitter begrüßt und finden glücklicherweise schnell einen Platz zum Zelten.

 

 

Hier an der Grenze zur Türkei befinden wir uns in der autonomen Republik Adjarien und besuchen deren Hauptstadt Batumi, eine der grösseren Städte des Landes und eines der Touristenziele im Sommer. Noch ist es nicht sehr voll und wir genießen ein letztes Mal das Meer. Hier finden wir einen langen, ruhigen Kiesstrand, nachdem es in der östlichen Türkei nur kleine Strände direkt neben der großen Straße gab. Wir besuchen Batumi, die Stadt hat den Charme alter Sowjetstädte und der vernachlässigte Gesammteindruck wird durch zahlreiche aufgerissene Straßen aufgrund der Erneuerung des Trinkwassersystems nicht gerade gemindert.

 


Wir lassen uns treiben, ich entdecke Kwas, ein limonadeähnliches und sehr leckeres Getränk, welches hier aus genau den gleichen kleinen tankähnlichen, gelben Wagen verkauft wird wie ich es aus Irkutsk kenne. Im angelegten Promenadenpark am Meer pausieren wir, lesen Informationsprospekte die uns mitteilen, dass man in diesem Park Mountainbikes ausleihen könne - am Eingang war ein Schild, das Fahrräder verbietet - wen kümmert das schon. Herausragend für uns war hier das archäologische Museum mit erstaunlichen und gut erhaltenen Funden der ältesten europäischen Zivilisation.

 

 

Von hier aus fahren wir in die Berge. Diese Route ist zwar hügeliger, aber wir umgehen so die stark befahrene Hauptstraße und schön ist es hier allemal. Der Weg führt entlang eines Flusses tief ins Tal hinein. Einige historische Brücken befinden sich hier und dort werden wir zu unserem ersten georgischen Picknick eingeladen. Wir schließen Bekanntschaft mit dem hausgemachten Wein, während ich einen Toast nach dem anderen für Matthias zu übersetzen versuche. Aus fünf Minuten wird eine Stunde und wir nutzen schließlich die Gelegenheit anderer aufbrechender Picknicker um uns zu verabschieden, sonst wären wir wohl noch bis zum Abend mit gebratenem Fisch und Wein gefüttert worden. Nach etwas Anlaufzeit kann ich einen guten Teil meiner Russischkenntnisse nach sechs Jahren wieder hervorlocken und wir sind froh über den so sehr intensiven Kontakt zu den Menschen. Dieser setzt sich hier in Georgien fort und gibt uns schnell ein gutes Gefühl für dieses Land. Die Menschen sind etwas zurückhaltender als in der Türkei, wir werden aber oft schon Mittags zum Übernachten eingeladen und bekommen etwas zu Essen geschenkt. Über Letzteres freuen wir uns sehr, ein Nein würde ohnehin nicht akzeptiert werden, für Übernachtungseinladungen ist es uns um diese Uhrzeit allerdings noch zu früh.

 

Die Straße wird schlechter und steiler und zu einer der schwierigsten die wir bisher hatten. Der ursprünliche Belag lässt sich nur noch erahnen und wir versuchen zumindest den größeren Löchern und Steinen auszuweichen. Die Autos können auch nur langsam fahren, viele grüßen nett und manch einer will uns gleich aufladen - wir bleiben hartnäckig, zumal es auf einer solchen Ladefläche auch nicht bequemer aussieht, im Gegenteil.

Abends werden wir in einem Dorf von Jamse eingeladen. Wir landen in einer großen, lebendigen Familie und haben einen sehr intensiven Abend. Da Jamse und ihre Schwestern keine Fremdsprache sprechen, unterhalten wir uns mit dem Vater auf russisch, während die Schwestern um uns herumwirbeln, uns fürstlich mit Selbstgemachtem bewirten und uns die Kinder der Nachbarschaft staunend beobachten. Ein Schüler holt den Deutschlehrer des Dorfes, der bald hinzustösst. Er hat sich selber deutsch beigebracht, bringt gerade seiner letzte Klasse durch das Abitur (man lernt jetzt lieber Englisch) und kann mehr deutsche Gedichte als wir. Und wir sind die ersten deutschen die er in seinem Leben trifft! Wir sind tief berührt von dem Enthusiasmus und dem Engagement die dieser Mann mitten in den Bergen einer so fremden Sprache entgegenbringt, ist doch die Chance, dass er jemals in seinem Leben die Möglichkeit haben wird nach Deutschland zu reisen verschwindend gering. Er lebt selbstversorgend von drei Kühen und einem großen Garten.

Während es draußen gewittert, wie jeden Abend dieser Tage, führen wir spannende Gespräche und werfen Fragen hin und her. Irgendwann fällt der Strom aus, die Augen glänzen im Schein der Öllampe umso mehr.

Am nächsten Morgen bekommen wir einen großen Batzen eigenen Käse mit auf den Weg und sind froh über diese schöne Begegnung mit solch kraftvollen, fröhlichen Menschen.


 


Wir erreichen unseren bisher höchsten Pass mit 2025 müNN und treffen wieder auf Alpwirtschaft, hier ebenfalls Iaila genannt. Da hier bis weit oben ganzjährig gesiedelt wird ist der Übergang fließend, bei den Iailas fehlt einzig der riesige Gemüsegarten. Dieser fällt hier oben etwas kleiner aus, Kartoffeln, Zwiebeln und Salat werden aber auch hier auf 2000müNN noch angebaut. Die Häuser sind in Dorfstruktur angesiedelt und sogar einen Laden gibt es hier. Wir stärken uns und lernen Sarud kennen. Nachdem wir unsere Geschichte erzählt haben, nutzen wir die Chance und fragen ihn zum hiesigen Leben aus. Er freut sich über unser Interesse, erzählt uns viel und nimmt uns
mit zu seiner Hütte um uns alles zu zeigen. Hier haben Betonställe und hygienisch geflieste Käsereien noch keinen Einzug gehalten. Gekäst wird im gleichen Zimmer wo man schläft und die Kühe gehen selber auf die Weide - für Sarud bedeutet Iaila eine Zeit des Ausruhens. Er gibt noch in Auftrag in Deutschland nach einer Zentrifuge für ihn Ausschau zu halten, sein Bruder habe einmal ein Modell aus Edelstahl gesehen und seitdem träumt er davon.

 

 

Später geht es bergab auch nicht viel schneller als bergauf, die Straße ist zu schlecht und wir hängen in den Bremsen. Dafür haben wir Zeit die Landschaft zu betrachten und die Dörfer. Während die großen Bauten in Stadtnähe meist vernachlässigt wirken, sehen wir hier oben gut erhaltene Häuser, meist aus Holz. Was die Gründe für mehr Eigeninitiative hier oben sind, wissen wir nicht genau, aber wir staunen über die großen Gärten wo Kartoffeln u.a. bis an die Häuser heran wachsen und alles ordentlich und exakt ist.

 

 

Matthias war vor drei Jahren bereits einmal in Georgien, auf einer Exkursion mit der Uni. So ergeben sich einige Abstecher entlang der Strecke nach Tiflis. In den Bergen baden wir in einem alten Bad, das aus heißen Quellen gespeist wird. Wir besuchen den Bergort Borjomi wo das bekannte georgische Mineralwasser herkommt welches früher in die ganze Sowjetunion exportiert wurde. Man kann es sich hier selber abfüllen, allerdings kommt es warm aus dem Brunnen und überzeugt uns so geschmacklich nicht gerade. Einen großen Nationalpark gibt es dort, mit ausgewiesenen Wanderwegen und ausnahmsweise auch Informationsmaterial. Wir gehen nicht wandern, später erzählt uns aber jemand, dass dort viel Wald durch russische Angriffe im letzten August zerstört worden sei.

 

Auch wenn auf den ersten Blick nicht viel zu sehen ist, sind die Auswirkungen des Krieges doch noch allgegenwärtig. Vorallem im Gespräch mit den Menschen kommen wir immer wieder zu diesem Thema. Durch die Abwendung des Präsidenten von Russland entstehen für die Menschen viele Nachteile und mit den Importwaren aus der Türkei kann man sich nicht so recht anfreunden. Die Menschen haben das Gefühl die Gebiete von Abchasien und Südossetien seien ihnen weggenommen worden und auch wenn der Verlust von Sandstrand im Vergleich zu den schwierigen Lebensbedingungen mancher Menschen eher unwichtig erscheint, viele sind verbittert über diese Situation.

 

 

Die Landschaft ist vom Meer aus durch den vielen Regen geprägt und die Berge herrlich grün. Wie auch in der Türkei kann man bis über 2000müNN Wald finden. Vom Pass fahren wir wir bis Tiflis mehr oder weniger an einem Fluss entlang. Erst geht es durch enge Täler, die sich ab Borjomi weiten und in eine Ebene übergehen. Hier kommt nicht mehr viel Regen an, alles ist gelb verdorrt und wir fragen uns was die Tiere den Rest des Sommers fressen sollen. Ein sehr starker Gegenwind und die vielbefahrene Hauptstraße machen unseren einzigen Tag in der Ebene nicht gerade zum Schönsten. Auf Tiflis zu wird es wieder hügeliger und grüner.

 

 

Wir besuchen nahe Gori die Felsenstadt Uplistiche. Eine große in den Sandstein gehauene Stadtanlage mit Tempel, Theater, Plätzen und Wohnräumen. Obwohl dem ständigen Verfall ausgesetzt, ist noch vieles gut zu erkennen und es macht Spaß die vielen Örtlichkeiten zu erkunden. Wie so oft in Georgien, gibt es auch hier keinerlei Hinweisschilder, Lagepläne etc. Ob man so die Führer unterstützen will oder einfach kein Interesse vorhanden ist, wissen wir nicht und versuchen selber Erklärungen für die aufkommenden Fragen zu finden.

 

Aufgrund irgendeiner Initiative wurden aber an den Straßen braune Hinweisschilder zu Sehenswürdigkeiten aufgestellt. Diese praktische Sache hat allerdings den Haken, dass es keine weiteren Hinweise gibt, wo sich die Sehenswürdigkeit denn befindet und man sich mindestens durchfragen muss. Und wenn dann gleich sechs hintereinander aufgestellt sind, muss man erstmal die Symbole erraten....

 

Eine letzte Kirche gab es noch zu besuchen. Die älteste des Landes und gut besucht an diesem Sonntagmorgen. Nun, sie steht auf einem kleinen Berg und wir genießen die Aussicht mehr als das Innere der Kirche. Unter uns ist der Zusammenfluss zweier Flüsse und wir beobachten einige Paddler.

Ja, und dann war es nicht mehr weit bis Tiflis.......