Eine Radwanderung

Tabriz - Zanjan [Bilder]

 

 

 

 

Zwischen Tabriz und Tehran gibt es nicht viel spannendes, nimmt man den direkten Weg. Wir entschieden uns für einen Umweg von ein paar Tagen nach Westen entlang des Urumiyeh-Sees, einem bisweilen recht großen See mit bis zu 30% Salgehalt. Baden wie im Toten Meer...

Ein wenig Rückenwind und eine spiegelglatte Autobahn, so kamen wir fliegend aus Tabriz hinaus, um dann im Staub zu versinken.Die ganze Landschaft verliert ihren Horizont in Staubwolken. Schafherden nebeln sich die eigene Nase zu, wenn sie auf der Suche nach etwas Gelb am Straßenrand oder einem abgeernteten Acker sind. Es ist nicht so schlimm geblieben wie dieser Tage, aber immer noch ein Problem, dem viele IranerInnen, die nicht so die Berge hochhecheln müssen wie wir, mit Atemschutzmasken begegnen. An den Bergen zeigen uns die alten LKWs, die auch nicht viel schneller sind, dass sie nicht abgaskontolliert sind und dass sie häufig den Auspuff rechts haben.

 

 

An der Strecke hatten wir zwei Stellen, an denen wir direkt am See vorbeifuhren, von dem aber in dem Dunst nicht viel zu sehen war. So fuhren wir in der einen Mittagspause lange über trockenen Strand, um irgendwann einzusehen, dass wir so kein Wasser finden werden. Der Salzgehalt kommt ja vom Eintrocknen und so wird er im Sommer wohl weiter weg sein - dachten wir.

An der nächsten Stelle, so war der Plan, fahren wir am Abend einfach raus bis zum Wasser - nur wo? Es ist hier ein Problem, dass man gerade abends nicht anhalten darf, in die Karte schauen darf, fragen darf, sonst hat man alle Mühe, sich von den Leuten wieder zu verabschieden, die ganz genau wissen, dass wir ein Problem haben, dass sie zu lösen berufen sind. Das größte Problem ist, dass wir ohne Familienverband leben, ohne dessen Schutz es viel zu gefährlich ist. Mindestens böse Tiere lauern auf uns, wenn nicht böse Menschen, vorzugsweise die einer anderen Ethnie. Also schläft man am besten bei Ihnen. Wenn man nicht will, wird man schon mal kräftig am Arm gepackt und gezogen -- Aber wir wollen doch nur unsere Ruhe am See. So haben wir es geschafft, durch das letzte Dorf zu kommen, mit einem Motorradguide dazu, aber Wasser, dort könne man nicht hin. Wir haben dann auf dem Gelände eines heiligen Schreins geschlafen, weil das der mindeste Schutz ist, den man braucht. Der Iraner an sich hat noch genügend Nomadenblut, dass er gerne zeltet, das aber lieber auf dem Grünstreifen zwischen zwei Fahrbahnen als irgendwo draussen. In jeder größeren Stadt gibt es  mindestens einen Campingpark, dort kann man kostenlos zelten und hat sanitäre Anlagen zur Verfügung. Das iranische Einheitszelt kann man wie es ist zusammenfalten und es steht auch ohne Heringe - bestens geeignet, um es auf Beton und Asphalt aufzustellen.

 

 

An jenem Abend also kommt noch Soleiman vorbei, der recht gut Englisch kann, erklärt mir (Veronika existiert für Männer oft nicht in der hießigen Wahrnehmung) einiges zum See und bietet uns am nächsten Morgen um 6°° Uhr eine Führung zum Salzabbau an. Ok, mittlerweile ist es schon wirklich spät geworden, aber die Chance lassen wir uns nicht entgehen. Wir, bzw. Mr. Matteus, erfahren, dass es vor 18 Jahren beinahe jeden Tag regnete und der See vor dem Dorf stand, sodass man überlegte, den Ort zu verlegen. Der See hat ja keinen Abfluss, das Wasser verdunstet üblicherweise - oder es bleibt. Soweit kam es aber nicht und seither ist alles wieder im Lot - der See geht jedes Jahr weiter zurück und hinterlässt eine dicke Salzkruste. Am damaligen Ufer wird jetzt Getreide angebaut und Zwiebeln, Gurken und Melonen. Überall laufen alte Pumpen und schützen das Grundwasser vor einem Ende im See.

 

Mittlerweile hat man erkannt, was für Probleme das Austrocknen des Sees mit sich bringt, man überlegt allerdings nicht, wassersparend zu bewässern (erst selten haben wir Tröpfchenbewässerung gesehen), sondern entweder Wasser aus dem 1300 m tiefer liegenden Kaspischen Meer hier hoch zu pumpen, oder einen Fluss umzuleiten, der ohnehin nur in die Türkei fliesst...

Aber erstaml profitiert man vom Eintrocknen, baut das Salz ab und nutzt das Wasser auf dem Acker. Als Herr Soleiman arbeiten muss, fahren wir mit den Rädern noch ein wenig weiter hinaus, über unberührte Salzkruste, bis das Salz zu matschig wird und die Räder gut gepökelt  sind. Das wollen wir ihnen nicht antun, zumal die Aussichten, irgendwo auf Wasser zu treffen, in dem man auch noch baden kann, etwa so sind, wie bei Ebbe an der Waterkant Meer antreffen zu wollen. Eindrücklich ist der See auch ohne das Wasser.

 

Wir kehren bei und auf Höhe des Salzabbaus winken uns drei Leute aus einem weissen Auto heran. OK, das kennen wir: "Where is you come from?" nichts weiter. Diese Frage wird uns hundertmal pro Tag gestellt und infolgedessen hat man nicht immer Lust darauf einzugehen.  Wir sollen aber wirklich anhalten, schließlich machen sich zwei der jungen Herren auch die Mühe, auszusteigen. Und wollen nebenbei unseren Pass sehen. Mr. Soleiman kommt mit seinem Salztraktor vorbei und übersetzt dankenswerterweise. Schon an der Grenze hatte man uns eingeschärft, den Pass nur an die Polizei zu geben. Einer dieser Zivilisten hat zwar einen Ausweis, ob ihn dieser allerdings als Polizei ausweist, geht aufgrund der allein arabischen Schrift nicht hervor. Wir bleiben dabei, entweder wir holen echte Polizei, was ihnen auch nicht recht ist, oder nicht. Schliesslich der Kompromiss, dass sie am Schrein, wo unser Gepäck ist, einen Blick in unsere Pässe werfen dürfen, ohne diese in die Hand zu nehmen. Dort sind die Herren allerdings nie angekommen.

 

Zwei Tage später dann in einer Stadt ein ähnliches Spiel. Eine Stadt wird ja wohl eine Polizeistation haben. Zurück durch die Stadt, dann ein Schuppen mit arabischer Beschriftung (auf den Polizeiautos steht immerhin "Police") und alle in Zivil. Woher sollen wir wissen, bei wem wir gelandet sind? Schließlich treiben sie jmd. in Uniform auf und wir notieren uns die Ausweisnummer. Sie studieren die Pässe, um nach fünf Minuten festzustellen: Sie sind also aus Bosnien?! Die Vermutungen über unsere Herkunft nehmen bisweilen lustige Formen an und unsere Highlights sind Japan und Usbekistan, aber diese Menschen haben unseren Pass nicht gesehen.

 

 

Bei uns heißen unsere Ziffern ja "arabisch", haben aber nur noch eine entfernte Ähnlichkeit mit ۱ ۲ ۳ ۴ ۵ ۶ ۷ ۸ ۹.  Immerin werden die Ziffern von links nach rechts geschrieben. Auch der Kalender ist anders, bzw. die drei. Nach dem Persischen Kalender ist heute der 29.5. 1388, er zählt Sonnenjahre, aber wie der islamische Kalender beginnend mit dem Auszug aus Medina 622 n.Chr., der islamische allerdings, der für die Festlegung der religiösen Feste benutzt wird, zählt Mondjahre. Dann gibt es noch den Zarathustrischen Kalender, ebenfalls mit Sonnenjahren. Für internationale Kontakte etc. ist natürlich unser gregorianischer Kalender ebenfalls in Gebrauch.

Ein schwierigerer Umgang mit den Zahlen ist die Währung. 10.000 Rial, üblicherweise aber in 1000 Tuman ausgedrückt, sind 1 US$, wobei größere Scheine als 50000 Rial (ca. 3,5 €) selten sind. So schleppt man Stapelweise Scheine durch die Gegend, selbst für 3ct. gibt es einen Schein.

Die Schrift zu lernen ist vergebliche Mühe für eine solch kurze Zeit, da die Buchstaben nicht transliterierbar sind wie aus dem Kyrillischen, Georgischen oder Armenischen bisher. Anfangs versuchten wir es noch, da aber die meisten Straßenschilder auch auf Englisch beschriftet sind und selbst Lebensmittel oft eine englische Erklärung haben kommt man auch so gut zurecht. Nur auf dem Land und den kleinen Straßen müssen wir uns durchfragen und können uns die Orstnamen dann meist als Bild einprägen.

 

So gelangen wir in das Hinterland, klettern wieder Berge hoch, treffen einen iranischen Tourenradler, der uns zum übernachten einlädt und essen fast nur noch Nudeln mit Tomatensauce, weil man schon Glück haben muss, wenn man in einem der Dorfläden etwas anderes ausser Kekse, Chips, Limo und Eiern bekommt. Wer nicht in der Stadt lebt, ist völlig von jeder Infrastuktur abgeschlossen und ohne jede Chance auf einen Arbeitsplatz, wenn er nicht den Dorfladen oder die Werkstatt besitzt. So gibt es eine ungeheure Landflucht, ab und an sieht man den Zamyad / Saipa24, einen universalen, robusten Pickup beladen mit allem Hab und Gut.

 

 

Unser nächstes touristisches Ziel ist Takht e Soleiman (Salomos Thron) sowie ein Sinterberg (Gefängnis des Salomo) zuvor. Dieser 100 m hohe Berg ist dadurch entstanden, dass eine Kalkschwefelquelle einen See bildete, der am Ufer versinterte und so den See in die Höhe wachsen liess. Irgendwann ist das Wasser versiegt und man kann nun fast 100 m in die Tiefe des Kraters sehen. Zuvor waren wir noch eine Nacht auf einem Campingpark, haben wie die Iraner in einer offenen Hütte unser Zelt aufgeschlagen und sind am nächsten Morgen im Kalkschwefelwasser Baden gegangen. Schön getrennt natürlich in einem nichtschwimmersicheren Becken, das ebenfalls vom Rand einsintert und auf dessen Grund sich der Kalkschlamm absetzt, zusammen mit vielen Haaren, wobei man sich ein wenig Chlor schon wegen der Rotz-Bengel wünschen würde.

 

Takht e Soleiman ist eine Anlage, die im Lauf der Jahrtausende um einen ähnlichen Sintersee entstand, der aber wegen mehrerer Abflüsse nicht weiter anwächst. Der älteste teilw. erhaltene Teil besteht aus einem Feuertempel der Zarathustrier sowie einem Tempel der Fruchtbarkeitsgöttin Anahita. Da Iran des öfteren von anderen Mächten besiedelt wurde, haben diese ihre Spuren hinterlassen, etwa Araber, Turks oder Mongolen. Letzte haben einige hundert Jahre später mit einem Jagdschloss ein weiteres Gebäude hinzugefügt.

 

 

Der bisher höchste Pass blieb uns dann erspart, weil uns so ein Zamyad unbedingt mitnehmen wollte, aber Berge blieben uns noch genug bis hier in Zanjan. Jetzt kann ich auch wieder einen Zahn zulegen, weil ich einen Weisheitszahn hier gelassen habe, der mir schon lange Probleme bereitete, dessen ausgebrochene Füllung in Tbilissi ersetzt wurde, aber so schlecht, wie ich jetzt gesehen habe, dass er innerhalb von Stunden hochging. Dankenswerterweise half uns Mohsen von einem hiesigen Radladen, der lange in Deutschland lebte, durch drei verschiedene Praxen und ergatterte noch am Abend einen Termin.

Überwältigt von der Vielfalt der Stadt in der man beinahe alles bekommt was man möchte, bis auf dunkles Brot und Alpkäse, kaufen wir viel ein und machen uns auf den Weg nach Teheran.