Eine Radwanderung

Zanjan  -  Teheran [Bilder]

 

 

Mit vollen Taschen verlassen wir Zanjan für unseren Endspurt nach Teheran. Und ein solcher wird es auch. Wir fahren jetzt auf der großen Karawanenstraße die das Land im Norden von Westen nach Osten durchquert. Die Straßen verlaufen in einem breiten Tal, man kann wählen zwischen Landstraße und Autobahn, wobei erstere leider deutlich stärker befahren ist als vermutet. Die Zeit der Kamele ist längst vorbei und der Verkehr nimmt Richtung Teheran stetig zu. Fahren macht hier nicht wirklich viel Spaß. Die Landschaft ist von der Straße aus eintönig, Staub und Abgase nebeln uns ein und einzig das ungewohnt schnelle Vorankommen und das Ziel motivieren uns. Die Strecke ist eben und würde nicht ein ewig starker Gegenwind uns bremsen, kämen wir uns vor als würden wir fliegen nach all den Bergetappen. Einige größere Städte und viele Kleine liegen an der Straße, wie ein grünes Band legen sich die Felder in einem Streifen entlang des Flusses, dahinter nur Braun, Steine und am Horizont Berge. Wir werden wieder erinnert warum wir die kleinen abgelegenen Straßen bevorzugen.

 

Zum Ausgleich schauen wir uns einige Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke an, meist passend am Mittag oder Abend. Iran ist das erste Land in dem wir mit Reiseführer unterwegs sind. Ein dicker Batzen Information auf vielen hundert Seiten und mehr als 1 Kilo schwer begleitet uns und versorgt uns mit Informationen, auch wenn diese vor Ort nicht vorhanden sind. Immer gibt es etwas zu lesen oder nachzuschlagen.

 

Tehran_2Kurz hinter Zanjan befindet sich in dem kleinen Ort Soltaniyeh ein großer Dom auch Mausoleum des Öldjeitü genannt. Als vor 700 Jahren die Mongolen hier herrschten legten sie viel in Schutt und Asche, hier entstand in dieser Zeit mit Sotaniyeh eine der damals schönsten Städte des Landes die teilweise als Hauptstadt fungierte. Heute ist von der damaligen Pracht wenig geblieben, dieser Dom, der höchste Backsteindom der Welt hat es aber in sich. Mehr als Superlativen faszinieren uns allerdings die handwerklich künstlerischen Details die überall zu finden sind. Egal ob aufwenig gezinkte Geländer oder Wandverzierungen verschiedenster Art. Von Innen ist das Gebäude momentan leider komplett eingerüstet und die Kuppel nichteinmal erahnbar. Außen ist die Renovierung aber abgeschlossen und sie glänzt in einem kräftigen Türkis.

 

Solche Sehenswürdigkeiten ziehen auch stark die einheimischen Touristen an, die die Sommerferien nutzen um ihr Land zu bereisen. So ist der Stadtpark voller picknickender Iranischer Familien. Ausgerüstet mit einer Kühlbox für kaltes Wasser und Gaskocher ruhen sie sich auf der obligatorischen Picknickdecke aus, für Fleischspieße werden Feuer gemacht. Manche Sachen sind eben schön unkompliziert hier und ein "Rasen betreten verboten" ließe sich wahrscheinlich nur schwer durchsetzen. Wir pausieren ebenfalls dort, als Gegensatz zu den Iranern ist heute aber Matthias mit Kochen und Abwaschen dran. Bei der sonst recht starren Rollenverteilung fällt uns hier allerdings auf, dass sich auch die Männer um die Kinder kümmern, das konnten wir in Armenien und Georgien kaum beobachten.

 

Tehran_1Den nächsten Tag kommen wir am Nachmittag nach Qazvin. Eine größere Stadt mit einigen schönen Gebäuden und einem für schiiten wichtigen Mausoleum. Wir gehen hinein, allerdings bin ich falsch denn wie wir jetzt bemerken gibt es getrennte Bereiche für Frauen und Männer. Allerdings hatte auch am Eingang niemand etwas gesagt. Wir sind eben Touristen die davon keine Ahnung haben. Im Inneren ein silberverzierter Scheinsarg in einer Gitter - Glasumrandung. Durch Schlitze werfen die Gläubigen Geldscheine hinein, wir sind von den großen Spiegenmosaiken der Kuppel und des Einganges geblendet. Etwas kitschig für unseren Geschmack, aber umso mehr gefällt uns der Hof in dem das Mausoleum steht. Wo oft auch bei Moscheen ist er von  Arkaden umgeben wo man unter Rundbögen sitzen und sich ausruhen kann.

Dort entdeckt uns Davood, er verwaltet die dortige Moschee und war schon von seinem Bruder über die zwei Fahrradtouristen informiert worden. Er lädt uns in die Moschee ein und schließt vorsichtshalber ab um sich in Ruhe mit uns unterhalten zu können. In meinem Alter, ist er sehr interessiert an uns und unserer Kultur. Es ist lustig und interessant mit ihm. Den Einkommensvergleich rechen wir anhand der Anzahl an Tees aus die er mit seinem Gehalt im Iran und wir mit unserem in Deutschland trinken können. Da Tee im Iran sehr billig ist, kann er trotz eines nicht allzu hohen Gehalts viel mehr Tassen trinken als wir. Eine gute Idee des Vergleichs.

Und die nächste folgt sogleich, denn beim Zeigen seiner Familienfotos komm ihm begeistert der Gedanke, dass wir doch seinen halbjährigen Sohn mit einer potenziellen Tochter von uns verheiraten könnten. Dann wären wir verwandt und in 20 Jahren sei alles gut im Iran. Unsere Versuche zu erklären wie es bei uns zu Beziehungen kommt, will nicht so richtig ankommen, er ist ganz beigeistert von seiner Idee - wir weniger.

 

Die Frage nach Kindern verfolgt uns seit der Türkei. Wer verheiratet ist muss doch Kinder haben und auch die Korrektur unseres Hochzeitsdatums auf kurz vor unsere Abreise und der Verweis auf den fehlenden Platz am Fahrrad gelten oft nicht als Ausreden. Würden wir hingegen behaupten wir hätten unsere Kinder einfach zuhause gelassen, würde die Antwort anstandslos akzeptiert werden. So wurde es uns auch schon mehrfach vorgeschlagen.

Auch eine weitere Aussage verwundert uns dann sehr. "Ihr seht gar nicht aus wie Deutsche, eher wie Engländer" mein Davood. Wir schauen uns fragend an und fordern eine Erklärung. Er war der Meinung, alle Deutschen hätten braune Haare  und Augen. Woher diese Vermutung kommt wissen wir nicht, vielleicht gibt es einen Zusammenhang dazu, dass wir oft auf die gemeinsamen Wurzeln als Arier angesprochen werden. Für die hiesige Identität scheinbar sehr wichtig, trifft diese Aussage bei uns hingegen einen wunden Punkt, denn wir sehen uns in erster Linie als Menschen und nicht als Arier oder sonstirgendwas. Vielleicht führt der Rückschluss aber dazu, dass wir ja aussehen müssten wie sie.

 

Nach einer Nacht zwischen Blumenrabatten auf einer Parkwiese, ja manches ist wirklich unkompliziert hier, kommt der wirkliche Endspurt. Da es uns hinter Qazvin irgendwann einfach zu viel wird mit Sonne, Staub und Abgasen, beschließen wir zu trampen. Dies klappt auch erhofft gut und nur wenig später sind die Räder auf der Ladefläche eines Pickups verstaut und wir düsen gen Teheran. Irgendwann verliert auch der kleine Sohn des netten Fahrers seine Angst vor der seltsamen fremden Frau die auch ohne Sprachkenntnisse versucht zu kommunizieren.

In einem Vorort werden wir ausgeladen und noch immer ist es ganz schön weit bis ins Zentrum. Allein in den Vororten leben Millionen, in der Stadt selber sind es 15 Millionen Menschen. Nach vielen weiteren Kilometern Autobahn, die zwar für Fahrräder verboten ist, was die Polizei nicht daran hindert uns lediglich zu grüßen, übernachten wir am Rand der Stadt in einem Park.

Am nächsten Morgen stürzen wir uns mutig in den Teheraner Berufsverkehr um die deutsche Botschaft im Stadtzentrum zu besuchen. Der Verkehr ist ein chaotisches Durcheinander für uns, das zwar vorwärts kommt,  sich verknotet um sich wieder zu lösen und doch irgendwie eine Ordnung hat. Wir kommen mit dem, von vielen als schlimmsten Verkehr der Welt, bezeichneten noch erstaunlich gut zurecht und kämpfen uns Istanbulerprobt hindurch. Allerdings braucht es viel Konzentration und in unsere Lungen möchte ich keinen Blick werfen, denn wenn es vorher schon staubig und abgasvernebelt war, so ist das hier die Krönung. Die Innenstadt versinkt in den Abgasen, da aber öffentlicher Verkehr scheinbar nicht sehr gut funktioniert, benutzt doch jeder sein Auto oder fährt Taxi. Wer es sich leisten kann, wohnt im höher gelegenen Norden der Stadt wo die Luft deutlich besser ist, für die Ärmeren bleibt der Rest.

Der Grund, warum wir überhaupt nach Teheran gefahren sind, ist der nun folgende Bürokratische Akt, der notwenig ist um die nächsten Länder betreten zu dürfen - Visa. Und dafür brauchen wir ein Empfehlungsschreiben der deutschen Botschaft, die darin erstens erklärt, dass wir Besitzer unserer Pässe sind und zweitens die jeweilige Botschaft bittet, uns bei der Reise zu helfen, d.h. Visa auszustellen. Dieses Papier kostet 20.- € pro Seite, glücklicherweise kommen sie aber auf die Idee uns ein Schreiben für mehrere Botschaften auszustellen. Dieses im Gepäck hecheln wir am Abend in den Norden der Stadt wo wir von unseren Gastgebern herzlich empfangen werden. Am nächsten Tag geht es gleich weiter, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan stehen auf dem Programm. Die Tadschikische Botschaft hat leider geschlossen, bei den anderen beiden können wir unser Begehr vortragen und hoffenlich in einigen Tagen unser Visum abholen.

 

Zum Ausgleich kommt nun eines der Highlights für uns in Teheren - Schwarzbrot. Es gibt hier eine deutsche Bäckerei die richtig dunkles Brot bäckt, angeblich eine deutsche Bäckerin. Mit gefüllten Tüten kommen wir wieder heraus und freuen uns über richtiges Brot. Zumindest in unseren Augen, denn irgendwie können wir uns mit den hiesigen Varianten nicht so richtig anfreunden. Das liegt vielleicht zum Einen daran, dass sie alle zwar die erste halbe Stunde nach dem Backen gut schmecken, somit aber nicht sehr Radreisetauglich sind. Zum anderen sind sie alle nicht nur wenig gesalzen, sondern wir auch eindeutige Liebhaber von etwas dunklerem Brot. Grob gibt es hier drei verschiedene Brotsorten. Ein Fladenbrot, ähnlich wie man es bei uns kennt nur deutlich flacher, ein langes dünneres Brot welches auf kleinen Kieselsteinen gebacken wird die man hinterher erst abstreifen muss und ein ganz dünnes Brot, Lavache, welches sehr schnell zerbröselt und meist mehr getrocknet wird als gebacken. Alle Sorten werden bei den jeweiligen Bäckern zu bestimmten Zeiten frisch gebacken, man bekommt sie Ofenwarm und muss oft sogar Schlange stehen. Da es bei uns leider oft alt wird gibt es seitdem eine "Arme-Ritter-Tüte". Dort kommt alles alte Brot hinein um dann zu der äußerst leckeren Malzeit Armer Ritter verarbeitet zu werden. Dazu macht man das Brot klein, mischt es in einer Schüssel mit vielen Eiern, Milch (oder Wasser) und Zucker und brät dieses Gemisch dann mit Öl in der Pfanne. Sehr lecker, sehr praktisch und sehr schnell. Ersteinmal aber haben wir Schwarzbrot.

 

Dank unserer Gastgeber, einer sehr netten Familie, haben wir die Möglichkeit in der sonst eher grauen Stadt auch Charme zu entdecken. Zum einen natürlich bei netten Gesprächen und zum anderen bei einem abendlichen Ausflug mit Freunden in ein Teehaus mit Wasserpfeife am Rand der Teherander Berge. Auf einer Art Bett, mit Teppich ausgekleidet sitzen wir gemütlich unter Bäumen, trinken Tee und atmen Pfirsichgeschmack in uns ein. Hier sieht die iranische Welt ganz anders aus als am Rande der Landstraße. Die Kopftücher sitzen locker, kunstvoll angelegt und oft wundert man sich, dass sie nicht gänzlich runterrutschen. Die Frauen sind sehr modisch gekleidet und alles scheint etwas lockerer zu sein, kaum ein Tschador in Sicht. Der Austausch mit der gebildeten Schicht ist interessant, keiner fastet hier, man lebt sehr westlich und viele denken ans Auswandern. Kanada, England und Australien sind die momentan einfachsten Ziele gemessen an Visaerteilung und Chance auf einen Arbeitsplatz. Nach Europa zu kommen ist sehr schwierig und Arbeit gibt es dort auch nicht viel. So hofft jeder auf seine Chance und für die, die hier bleiben ist es schwer wenn nach und nach die Freunde das Land verlassen. Diese gibt es aber auch, in bestimmten Positionen kann man hier ein gutes Leben führen wo man im Ausland wieder von unten anfangen müsste.

 

Für uns geht es am nächsten Morgen wieder zur Tadschikischen Botschaft und anschließend kehren wir dieser Riesenstadt erstmal wieder den Rücken, denn während wir auf unsere Visa warten, wollen wir die Städte Esfahen und Yazd mit dem Bus besuchen.