Eine Radwanderung

Samarkand - Oybek [Bilder]

 

 

Samarkand - Stillstand

Wir verbrachten so viel Zeit wie unser usbekisches Visum uns ließ in Samarkand um Matthias Knie, was nur langsam besser wurde, zu schonen. Die Zeit verging schnell und nachdem wir einige Zeit recherchiert hatten um herauszufinden welchen Weg wir mit den geringsten Problemen, Visaveränderungen und trotzdem, fall nötig, der erforderlichen Ruhe, nehmen können, widmeten wir uns anderen Dingen. Wir brachten unsere Sachen mal wieder auf Vordermann, was vor allem Näharbeit an unseren Klamotten bedeutete, reparierten Fahrradtaschen und konnten mal wieder alles waschen. Internet stand auch hoch im Kurs, ebenso wie viel Ausstausch und seit langem mal wieder ausgiebiges Lesen.

 

Uzbekistan_II 006bNebenbei besichtigten wir die ein oder andere Sehenswürdigkeit, auch ein Museum wo man anhand von Fotos sehen konnte, wie viel von der heutigen Pracht einem groß angelegten Wiederaufbau und Restauration zu verdanken ist. Auch in Samarkant tummeln sich viele Touristen, vom Rucksackreisenden bis zur australischen Reisegruppe die von China nach Moskau mit dem Privatzug reist. Für einmal sind wir also einfach Touristen unter vielen und nicht die seltsamen Fremden auf ihren wollgepackten Fahrrädern.


Bei den Sehenswürdigkeiten hier begegnet man einer Sache unweigerlich, die einem als Fremdem ansonsten weitgehen verborgen bleibt: Korruption. Bei einem abendlichen Besuch eines Mausoleums werden wir gleich angesprochen, ob wir denn nicht auch in die Gruft wollen, eine halbe Stunde später das gleiche Angebot bei einem weiteren Mausoleum. Geld will man natürlich haben dafülr, schließlich kann man sein Polizistengehalt einfacher nicht aufbessern. Der Registan, ein Platz mit drei Medresen, ist bekannt für gutes Licht am frühen Morgen und dafür, dass man gegen ein kleines Eintrittsgeld vor den Touristenströmen alles besichtigen und auch ein Minarett erklimmen darf. Das steht sogar in unserem Reiseführer und da dieses Angebot rege angenommen wird, wird man an vielen Orten gleich offensiv von den wachhabenden Polizisten zu Sonderbesichtigungen eingeladen.

 

Ein Fahrradfreund hatte eine chinesische Klinik erspät und so machten wir uns am vorletzten Tag auf den Weg, um zu sehen ob die östliche Medizin noch eine Idee zu Matthias Knie hätte. Versuchen kann mans ja mal...

Der chinesische Arzt war erst etwas ruppig, dann wurde es interessant. Er verschwand mit Matthias in einem Zimmer, stellte ein uns unbekanntes Gerät vor sein Knie und ein ebensolches hinter sein Schulterblatt. Dann zog er mit der Hand etwas auf und ließ es wenige Sekunden runterzählen. Wir wissen nicht was er damit messen konnte bzw. zu welchem Ergebnis er kam, für solche Erklärungen war keine Zeit bzw. Geduld vorhanden. Er gab uns fünf mal zwei Pillen für die nächsten fünf Tage, dann sei es gut, prognostizierte er sicher. Als wir schließlich bezahlen wollten sagte er lachend: "Das braucht ihr nicht, ich habe genug Geld, schließlich bin ich Chinese, nicht Usbeke". Na, wenn das so ist, freut sich unsere Krankenversicherung, denn es ist schon die dritte Behandlung für die wir trotz hartnäckigen Versuchen nichts bezahlen dürfen.

 

Nach elf Tagen ist es Zeit zu gehen, die Jungs vom Eisstand nebenan wissen schon auswendig welche Waffelgröße wir nehmen, die Gerichte des Abendessens wiederholen sich schon zum dritten Mal und zwei Tage Puffer wollen wir uns gönnen, um problemlos bis Visaende zur Grenze zu gelangen.

 

 

Abschied von Usbekistan

Uzbekistan_II 027Und das schien erstmal einfacher als es letztendlich wurde. Auf unserer Karte ist eine Bahnlinie von Samarkand über Khujand in Tadjikistan ins usbekische Ferganatal eingezeichnet. Perfekt, da wir nach Khujand wollen und so nur einmal in den Zug steigen müssten. Am Bahnhof bekomme ich gegen Bezahlung die Information für den Zug auf einen Schmierzettel geschrieben, zweimal die Woche fährt er am frühen Morgen. Allerdings von einem anderen Bahnhof, den der Normalmensch in Samarkand nicht kennt, nichtmal im Bahnhof können sie mir sagen wo er sich befinden soll. Da wir bis dato aber weder wissen ob wir von diesem Zug mit Fahrrädern mitgenommen werden, noch ob wir in ihm die Grenze überqueren dürfen, mache ich mich auf den Weg den Abfahrtsbahnhof zu suchen.

Nachdem ich einmal zum falschen Stadtende geradelt bin, findet dort ein Polizist mittels einiger Telephonate heraus, dass ich an das andere Ende der Stadt müsse und dort herumfragen solle. Eine Stunde später werde ich von dort wieder zurück zum Bahnhof geschickt, wo man aber genauso wenig weiß wie zuvor und mich wieder zurückschickt. Ich gebe auf für diesen Tag.

Am nächsten Tag mache ich mich wieder auf den Weg, der zwölf Kilometer außerhalb der Stadt erfolgreich an einem halbverwaisten Gleis, dem Abfahrtsort des Zuges, endet. Weit und breit niemand der mir etwas zu dem Zug sagen, geschweige denn meine Fragen beantworten kann. So ist uns das Risiko gegenüber dem Aufwand zu nächtlicher Stunde an den Ort zu gelangen  zu groß und die Entscheidung es mit Bussen zu versuchen fällt uns leicht.

 

Die Informationen sind ähnlich genau, der Busbahnhof aber nah und so warten wir nur knapp vier Stunden bis tatsächlich einer kommt der in unsere Richtung fährt. Wir sind erfreut, dass es alle Beteiligten völlig kalt lässt, uns mit Rädern und Gepäck auch angesichts bereits voller Gepäckklappen mitzunehmen. Später stellen wir fest, dass wir nicht die Einzigen mit so viel Gepäck sind, dass einige noch mehr haben und auch der Jahresbedarf  eines Dorfbasars an Bonbons und Süßigkeiten (und das ist nicht wenig) mit unserem Bus transportiert wird.

 

Am frühen Abend erreichen wir die Grenzstadt, wo uns aber nur bestätigt wird was wir schon ahnen, hier gibt es nur einen örtlichen Grenzübergang, der für Ausländer befindet sich 50 Kilometer weiter nördlich.

 

Uzbekistan_II 056Bekzon, ein junger Usbeke der sich, selbst fahrradbegeistert, schon im Bus lange mit uns unterhalten hat, lädt uns kurzerhand zu sich in sein Dorf auf halbem Weg zur Grenze. So erfahren wir einiges über das Gastarbeiterleben in Moskau, denn dort arbeitet der 23jährige seit vier Jahren und kann mit dem dort etwa zehnfachen Lohn Eltern und Schwester ernähren. Gerade baut er ein neues Haus, denn das braucht es mindestens, wenn man um die Hand eines Mädchens anhalten will. Seinen Militärpass hat er sich auch kürzlich besorgt, für 700.- Dollar bestätigt er ihm den einjährigen Militärdienst abgeleistet zu haben, während er in Moskau arbeitete. Übernachten dürfen wir in ihrem bunten Wohnzimmer, mit Schwalbennest an der Decke und wohlgebettet auf die hier typischen baumwollgefüllten und sehr bunten Schlaf- und Sitzmatten.

 

Da Bekzon gerade zu Besuch ist und Urlaub hat, begleitet er uns gerne mit dem Fahrrad zur Grenze. Der Versuch mit einem Bus zu fahren schlägt fehl, da diese zu klein sind. Trampen geht nicht, da jeder angesichts der Ausländer gleich hohe Summen in Dollar verlangt, für eine Sache für die wir in anderen Ländern nur mehrmals die Hand hätten heben müssen um jemanden anzuhalten. So müssen wir unfeiwillig früh wieder Radeln, da Bekzon aber gerne Matthias bepacktes Rad probiert, kann dieser mit dessen leerem Fahrrad beginnen und langsam kommen wir zur Grenze. Dort verabschieden wir uns von Bekzon der uns noch einmal die herzliche, hilfsbereite Seite Usbekistans gezeigt hat und von einem Land das wir ganz anders erlebten als sonst, mit nur wenigen Kilometern auf dem Fahrrad und vielen Tagen in der Stadt.