Eine Radwanderung

Batken - Osch [Bilder]

 

 

Zuhause in Batken

Die kirgisische Grenze war eine besondere Grenze. Etwa seit sechs Jahren reden wir davon mit dem Fahrrad nach Kirgistan und an den Baikalsee zu fahren und jetzt haben wir die Grenze überquert. Wir sind zwar nicht sehr zielorientiert unterwegs und dies verliert auch eher an Wichtigkeit, dennoch war es ein besonderer Moment als wir die ersten Meter fuhren.

Batken_08Kurz hinter der Grenze erwartet uns die erste Stadt, Batken, wo wir dank glücklicher Umstände für fast zwei Wochen ein Zuhause finden. Über ein Übernachtungsnetzwerk hatten wir einen jungen Kirgisen kontaktiert, der sich sehr freute. Er wohnt allerdings mittlerweile in Bischkek, aber seine Schwester würde uns unterbringen..... Etwas zögerlich nehmen wir Kontakt auf, wollen wir doch einige Tage bleiben und niemandem zur Last fallen. Die Schwester bringt uns zu ihrem Elternhaus und übergibt uns die Schlüssel. Das Haus steht leer und wir bekommen es ganz für uns alleine. So wird es schnell eine Woche und schließlich zwölf Tage . Wir genießen es sehr ein eigenes Zuhause zu haben. Ein Haus mit Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer und einem Zimmer für unser Gepäck - zu groß für uns. Dazu ein großer Hof voller Rosen und Obstbäumen mit zwei Hunden und drei Gänsen.

Man baut besonders Wohnhäuser fast ausschließlich einstöckig in einfacher Bauweise, schließlich wird von der Herstellung der Lehmsteine bis hin zum Decken des Daches mit Blech oder Eternitplatten in der Regel alles selbst gemacht. Garten und Hof gehören selbstverständlich dazu, Banja und Toilette befinden sich draußen. Unser Haus steht leer, da die Mutter zum Arbeiten in Moskau ist, der einzige Sohn in Bischkek arbeitet und seine Schwester mit einem jüngsten Sohn verheiratet ist, der seiner Rolle entsprechend bei seinen Eltern wohnen bleibt.

Batken ist zwar eine Stadt, Bezirkshauptstadt, aber eine Kleine (30.000 Einwohner). Es gibt kaum hohe Häuser, dafür viele Bäume und auf uns wirkt es wie ein großes Dorf. Im Stadtpark weiden Kühe oder Schafe die direkt hier im Zentrum gehalten werden. Wichtige Straßen sind geteert, alle weiteren einfach Staub- und Erdwege, oft mit Wasserkanälen an einer oder beiden Seiten.

So mit eigenem Haus erleben wir die Lebensrealität nochmal anders. Wasser, Strom und Müllentsorgung gibt es, aber mit Hindernissen. Bei uns gibt es fließend Wasser bis Mittags um zwölf, manchmal länger, manchmal kürzer und wenn man vergessen hat, seine Reserven aufzufüllen, muss man das Duschen eben verschieben. Strom gibt es auch, allerdings wird, wie wir es schon aus Tadjikistan kennen, im ganzen Land über Nacht der Strom von Mitternacht bis fünf Uhr abgedreht. Die Elektrik ist eine Sache für sich und für die die sie gewohnt sind, für unsere Verständnisse oft haarsträubend. Eine Kochplatte halten wir für zu gefährlich verkabelt, um sie in Betrieb zu nehmen, viele Steckdosen sind improvisiert, ebenso die darein zu steckenden Stecker und jedes Mal wenn man einen solchen hineinsteckt wird dies von einem Zischen und Leuchten begleitet. An Schaltern wird auch gerne gespart und sie werden einfach aus zu verhakenden Kabelenden improvisiert. Matthias nimmt sich über die Zeit der zahlreichen Patienten an und nun muss man nachts nicht mehr fürchten ohne Taschenlampe das Kloloch zu verfehlen oder die Lampen durch rein- und rausschrauben der Glühbirnen ein- und ausschalten. Das mit dem Müll haben wir bis zum Ende nicht ganz verstanden. In unserer Straße gab es einen Gulli ohne Deckel in dem wohl viele Nachbarn ihren Müll versenken. Das wollten wir nicht und so verteilten wir ihn in kleinen Portionen in die scheinbar einzig verfügbaren Mülleimer der Stadt im Stadtpark.

Wie schon erwähnt, werden die Häuser größtenteils selbst gebaut. Sie sind in ihrem Stil mit geschwungenen Sprossenfenstern, manchmal ganzen Fensterfronten schlicht, aber nicht unschön. Zum Heizen sind sie allerdings völlig unökonomisch gemacht. Der Dachboden vorne und hinten komplett offen, das Glas einfach in die Fenster gestellt ohne Kitt oder Leisten - für frische Luft ist gesorgt. Aber hier wird es bis zu -40°C  kalt im Winter. Und dann werden Elektroheizer ausgepackt..... Immer wieder spüren wir den Unterschied unserer deutschen Denkweise zur Hiesigen.

 

Batken_19Zum Stadtleben gehört natürlich auch der Basar. Wenn man sich unter der Woche fragt, wo denn in diesem Dorf  all die Einwohner sein sollen, so besucht man ihn in Batken am besten Samstags, dem Hauptbasartag. Dann wächst der ansonsten kleine Bereich auf die über zehnfache Größe und neben Interessantem gibt es auch viel Unsinniges in unseren Augen. Und viele Menschen sind auf den Beinen, die Gänge zwischen den Ständen oft ein Gedränge und überall wird gescherzt, verhandelt, Tee getrunken und natürlich Schaschlik gegrillt. Uns ziehen die kulinarischen Stände an, denn Lackgummistiefel und schreiend bunte Stoffe brauchen wir nicht unbedingt. Bei den Lebensmitteln gibt es immer Überraschungen, diese zu entdecken wir immer wieder gerne angehen. Fleisch in praller Sonne und Torten ebenda, vorsichhinschmelzend, umgehen wir lieber. Glücklich finden wir die Stände mit Säcken voll getrockneter Aprikosen von denen wir unsere Lieblingssorte, die süßen, harten, mit Stein auswählen können, aus Platzgründen aber von der Anschaffung eines ganzen 25 Kilosackes absehen müssen.

Erfreut entdecken wir auch eine Schokocreme, eine willkommende Abwechslung in unserem Brotbelagsortiment. Leider entpuppt diese Entdeckung sich als leicht braun gefärbte Margarine die nur mit viel Phantasie entfernt nach Schokolade schmeckt.

Fleisch wird hier sehr anders geschätzt und bemessen als bei uns. Fett ist besonders beliebt und geschätzt, es wird dem Gast auch gerne extra zugeschoben, der diese Geste eher mit Unbehaben akzeptiert, denn riesige Fettbrocken bedürfen der Gewöhnung. Es gibt eine Schafrasse, Fettschwanzschafe, mit einem tatsächlich sehr seltsamen Schwabbelschwanz, der ein riesiges Stück des beliebten Leckerbissens liefert. Wenn wir selbst zugreifen, äußerst selten, suchen wir uns zwischen den Fettbergen die Stücke mit möglichst wenig davon aus.

 

 

Fünf vor zwölf

Und wir sind genau zu der Zeit in der Stadt, in der ein groß gefeiertes Ereingnis stattfindet. Die Region Batken feiert 10jähriges Jubiläum, für das sich die Regionshauptstadt Batken herausputzt. Und das in für uns erstaunlicher und nicht selten amüsanter Weise.

Bordsteine werden neu betoniert und gerade am letzten Abend fertiggestellt. Jeden Tag wieder wird die Stadt von unzähligen Menschen gekehrt, geputzt, Kanäle werden ausgehoben, Bäume geschnitten und wieder und wieder Blätter beseitigt, schließlich ist Herbst und die gelbe Pracht segelt Tag für Tag zu Boden. Für das, wofür Anderswo Stadtwerke da sind, werden hier die Schüler in ihrer Unterrichtszeit eingesetzt, stehen Krankenschwestern in voller Montur mit Besen in der Hand auf der Straße. Gerade am letzten Tag sind dann in aller Eile noch viele Menschen damit beschäftigt die Häuser an der Hauptstraße neu zu streichen. Schließlich kommt der Präsident und er soll hier entlang fahren. Auf uns wirkt diese Planung etwas kurzfristig, überstürzt und chaotisch, aber Farbe hat in nassem Zustand bekanntlich am meisten Glanz.....

Und schließlich ist der Tag da, viele Menschen strömen zum Stadion wo eine Feier mit verschiedenen Aufführungen in Gegenwart des Präsidenten ausgerichtet wird. Auch wir wollen uns dies gerne anschauen, uns wird der Eintritt allerdings verwehrt, da wir Ausländer sind. So können wir nur die Polizei bei ihren Sicherheitsbemühungen beobachten und wie Kinder mit Kopfnüssen rausgejagt werden.

Wir wenden uns wieder anderen Dingen zu, traurig amüsiert über den Personenkult für den so viele Fassaden geputzt werden, während drei Meter weiter der Müll mangels Container auf der Straße liegenbleibt.

 

 

Schule in Batken

Batken_21Sulatu, unsere Gastgeberin, ist Englischlehrerin an der besten Schule der Stadt. Da bleibt eine Einladung in den Schulunterricht nicht aus. Für uns eine neue Erfahrung und wir bereiten uns vor, wählen Bilder aus und trotzdem werden die ersten Stunden für unsere Begriffe chaotisch. Nichtsdestotrotz sind alle außer uns begeistert, hier verläuft eben grundsätzlich alles etwas chaotischer in unseren Augen, da macht es nichts. Für die Schüler sind wir eine Sensation und anstelle von einer, stehen wir letztendlich meist vor drei oder vier Klassen die eilig dazugezogen wurden. Eine Lehrerin übersetzt unser Englisch, denn was wir erzählen ist so fern und unvorstellbar, dass es nur in Englisch wohl doch etwas zu viel wäre.

Für den nächsten Tag lädt uns der Geographielehrer gleich nocheinmal ein und diesmal klappt alles mit unseren Bildern und wir erzählen gleich drei Stunden hintereinander. Ebenso interessiert wie an unseren Erzählungen, sind die Schüler an Autogrammen von uns und Bildern mit uns. Am liebsten jeder einzeln....

Im Anschluß unternehmen vier Lehrer noch einen Ausflug mit uns zu ihrem See. Dies ist ein künstlicher See in den Bergen nahe der Stadt, der erste See der Welt der künstlich auf einer PE-Folie angelegt wurde. In dem steinig-sandigen Untergrund würde das Wasser ohne diese Maßnahme schnell versickern. Zum Baden ist es jetzt zu kalt, im Sommer soll das Ufer aber vielbevölkert sein, während jetzt nur ein, zwei Familien dort sind und natürlich das Anwesen des Regionsgouverneurs.

Die Schulerfahrung hat uns und allen Spaß gemacht, auch wenn etwas mehr Übung uns nicht schadet. Wir merken auch immer mehr, wie weit die Lebenswelten auseinanderliegen. Wir als Verheiratete (meist unsere offizielle Angabe), ohne Kinder werden bemitleidet und wenn wir erklären, dass dies bei uns völlig normal sei und man auch ohne Nachwuchs ein normales, glückliches Leben führen kann, scheint ihnen das ersehnte Leben in der Ferne doch etwas suspekt.

 

 

Radlerkollegen in Batken

Batken_20So war die Freude auch groß, als wir überraschenderweise drei weitere Radler entdeckten, in einer Ecke des Landes in der sich sonst kaum Touristen herumtreiben. Sie trieb das gleiche hierher wie uns, die Jahreszeit, denn sie waren zu spät dran um den Pamir zu fahren. Charlie ist vor zweieinhalb Jahren in Südkorea aufgebrochen und hat sich noch viereinhalb Jahre vorgenommen um die Welt zu umrunden. Hubert und Karim, zwei in Peking lebende Franzosen, fahren in einem Jahr von dort nach Paris. Und wie es meist so ist wenn man auf Gleichgesinnte trifft, folgen viele Gespräche und gemeinsame Stunden. Charlie muss leider am gleichen Tag noch die Grenze passieren, aber mit den zwei anderen verbringen wir einen langen Abend und können endlich für eine Nacht auch einmal Gastgeber sein. Sie freuen sich sehr über ein richtiges Frühstück, da sie normalerweise nicht kochen und immer Auswärts essen. So unterscheiden sich die Lebensweisen eben auch auf dem Fahrrad.

 

 

 

Aufbruch und Umgehung

Batken_47Dann wird es auch für uns Zeit wieder aufzubrechen. Der Herbst steht in vollster Farbenpracht gelb-rot-bunter Aprikosenbäume, gelbe Pappelspitzen bilden ein schönes Band am Horizont, in schönem Gegensatz dazu stehen die Berge im Hintergrund die an manchen Tagen schom mit weißen Kappen glänzen. Um die Häuser stapelt sich die Ernte, das Viehfutter wird überall verstaut, lagert oft auf einem flachen Dach oder in großen Haufen im Garten. Das Wetter ist nach wie vor prächtig, ein wahrhaft goldener Herbst, mit Wärme die uns die ersten Tage noch im T-Shirt fahren lässt.

Batken_34Für uns geht es die ersten zweieinhalb Tage auf eine üble Staub-Schotterpiste, denn die normale Route führt durch eine usbekische Enklave, die wir nicht durchfahren dürfen. Ein weiteres Beispiel trauriger Grenzpolitik, das uns auf die Umgehungsstraße bringt. So sind es zwar nicht mehr Kilometer, aber deutlich mehr Anstrengung, denn die Straße besteht aus Staub und mehr oder weniger großen Steinen. All dies lässt uns nur langsam vorwärtskommen, schlimmer sind jedoch die motorisierten Verkehrsteilnehmer, die uns bei jeder Begegnung in eine dichte Staubwolke hüllen. Seitenwind ist ausnahmsweise die Wahl, aber nicht immer zu haben. Besonders wenn es leicht berauf geht, wir schwitzen und zwangsläufig nur kurz die Luft anhalten können wünschen wir uns statt dem Staubnebel richtigen Herbstnebel.

Die Straße führt oft nahe entlang der Usbekischen Grenze, das Land wirkt wie Niemandsland. Nur selten liegt ein Dorf in dieser Landschaft aus Staub und Steinen und nur die Hirten scheinen das Land zu nutzen. Die Dörfer liegen abseits, von der Straße abgewandt und manchmal sind wir uns ihrer Zugehörigkeit nicht sicher.

Batken_32In einem Ort ist gerade Markttag und entsprechend viel los. Hier führt die Verbindungsstraße aus Usbekistan zu der Enklave und auf dem Markt sind weitgehend Usbeken vertreten. Manche wollen unser kirgisisches Geld gar nicht annehmen. Ein Mann mit Fahrrad begleitet uns aus dem Ort. Er schenkt uns Nüsse, wir ihm Bonbons und er fragt ob wir nicht Angst vor seinem Bart hätten, er könne ja Terrorist sein. Haben wir nicht, schließlich ist auch ein Bartträger unter uns.

Irgendwo muss ein Markt für gebrauchte Maschinen sein, denn wir werden von Verschiedensten begleitet. Eine Flotte aus vier Traktoren mit drei Dreschmaschinen ist unterwegs. Ebenso mehrere alte Mähdrescher. Sie haben ein ähnliches Tempo wie wir und immer wieder überholen wir uns gegenseitig, denn sie haben immer wieder Platten, wir machen mehr Pausen.

Als wir wieder auf Asphalt treffen, können wir diesen doppelt schätzen. Wir kommen uns sehr schnell vor plötzlich und das Fahren geht so leicht und ruhig.

 

 

In den Regen

Ab hier ist unser Weg von wieder mehr Dörfern und kleinen Städten gesäumt. Wir fahren auf einer kirgisischen Transitstraße zehn Kilometer durch usbekisches Gebiet. Dann wird es leicht bergig, die Gegend steppenähnlich und die Tiere werden zahlreicher. Neben den gängigen Tierarten sehen wir auch hin und wieder Putenherden. Die Kirgisen nutzen viel Pferde als Fortbewegungsmittel, wo sonst noch Esel hergenommen wurden, lieber fährt man mittlerweile aber Mercedes, Audi oder ein günstigeres Gefährt deutscher Herkunft und es ist nicht zu ertragen wenn die Radler trotz Gehupe nicht in den Straßengraben springen. Hier erinnert die Landschaft schon eher an die Hügel und Berge, die man sich in Kirgistan vorstellt, besonders als diese dann einen neuen weißen Überzug bekommen.

Den letzten Abend vor unserer Zwischenstation Osch fängt es an zu regnen und es wird deutlich kühler. Manchmal setzt er aus, aber seitdem ist das Wetter grau, naß und Jacken und Mützen sind im Einsatz.

Den Wetterbericht haben wir noch nicht angeschaut, aber es wird bestimmt wieder sonnig, bestimmt.