Eine Radwanderung

Osch - Bischkek [Bilder]

 

 

Osch im Regen

Tien-Shan_1Im Regen kamen wir in Osch an und hätten wir unseren Aufenthalt nicht verlängert, wären wir auch  im Regen wieder gefahren.

So war es denn interessanter, was drinnen geschah, denn Pfützenspringen und im Matsch watend den den Markt zu erkunden, macht auf Dauer wenig Spaß.

Über ein Übernachtungsnetzwerk hatten wir auch in Osch wieder einen Gastgeber, mit dem wir eine schöne und interessante Zeit verbringen konnten. Sultan ist einer von denen, die in keine Kategorie hineinpassen und die immer kämpfen müssen, um nicht unterzugehen. Geld für ein Studium war keines da, für ein Stipendium reichte es nicht. Er würde gerne etwas Künstlerisches machen und er spricht gut Englisch, aber er hat eben kein Diplom dafür und findet keine Arbeit in diesem Bereich. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs und Englischunterricht über Wasser und hat viel Kontakt zur Englisch sprechenden Gesellschaft, die hier insbesondere durch einige amerikanische Freiwillige und durch sonstige hier arbeitende Ausländer besteht. Es ist nicht immer leicht, diese verzwickte Lage mitzubekommen, die Ungerechtigkeit, wenn man den Lohn für drei Monate Arbeit einfach nicht bekommt, von einem der reichsten Männer der Stadt. Und keine Strukturen, Initiativen, Mitstreiter oder allein die Idee, sich dagegen zu wehren. Es ist bewundernswert, wie die Hoffnung trotzdem da ist.

 

Osch ist eine der ältesten Siedlungen der Gegend. Davon ist allerdings nicht viel zu sehen. Der Hauptteil der Stadt besteht aus einfachen, einstöckigen Häusern. Nur im Zentrum gibt es hohe Häuser und Wohnblocks, alles etwas grau - es kann auch am Regen gelegen haben. Allein die Universität fällt aus dem Rahmen in frischem Rosa und griechischem Stil mit Säulen und Verzierungen.

 

Das Wahrzeichen der Stadt ist ein mitten in ihr aufragender Fels, Thron des Salomo. Seine Form wird mit der einer schwangeren Frau verglichen, was ihn zu einem besonderen Anziehungspunkt für um Fruchtbarkeit bittende Frauen macht. Aber auch so war er mit einer kleinen Moschee, die der letzte Timuridenherrscher hier errichten ließ, schon lange ein beliebter Pilgerort und ist auch heute sehr populär, nicht nur bei jungen Paaren.

 

 

Jalalabad und die bürokratische Odysee einer Visaverlängerung

Für eine Visaverlängerung soll Kirgistan in Zentralasien das einfachste Land sein. Hoffnungsvoll machten wir uns auf den Weg nach Jalalabad, nachdem man in Osh befunden hatte, wir hätten noch zu viele Tage bis zum Ablauf unseres Visums und sollten es doch dort versuchen.

Tien-Shan_3Pünktlich am Abfahrtstag aus Osch war es kalt geworden, leichter Schnee bedeckte die Stadt und die Sonne strahlte vom Himmel. Bestes Reisewetter also, wenn auch nun nicht mehr im T-Shirt, sondern mit langer Unterhose und mehreren Schichten. Die schönen Ausblicke auf die schneebedeckten Berge lassen uns immer wieder staunen und die vielen Hügel etwas kleiner wirken.

 

Tien-Shan_2In Jalalabad angekommen sind wir mal wieder einen Extrabogen gefahren, denn entgegen den Angaben in unserer Karte führt die direkte Straße durch usbekisches Gebiet und ist damit für uns nicht befahrbar. So kamen wir in Özgön vorbei, einer kleinen und unscheinbaren Stadt, die mit einem Minarett und einem Dreiermausoleum für Kirgistan ungewöhnliche Bauwerke hat, die durchaus einen Besuch wert sind und von der örtlichen Sportmannschaft während unseres Besuches joggend umkreist werden. Die Mausoleen sind die ersten ihrer Art und wegweisend für alle Späteren.

 

Dann sind wir also in Jalalabad und steuern gleich die Visabehörde an, es ist Mittag und wir hoffen, das neue Visum bis zum Abend zu erhalten. Was nun folgt, ist ein Glanzbeispiel hiesiger Bürokratie und Arbeitswillens, denn wir wussten bis dahin nicht, dass Jalalabad der ungeeignetste Ort im ganzen Land für ein solches Vorhaben ist. Da es im Süden immer mal wieder zu Zusammenstössen mit aus Usbekistan eindringenden islamischen Terroristen (O-Ton) kommt, ist man hier besonders vorsichtig und unser Vorhaben muss von einer Sicherheitsbehörde (KGB / SMB) geprüft werden, an die wir auch ein Gesuch schreiben müssen, auf Russisch selbstverständlich. Nachdem wir (vor allem war Veronika dank ihrer Russischkenntnisse mit all dem Ärger befasst, d.T.) zwei wichtige Vorgesetzte konsultiert, die Formulare in kyrillisch ausgefüllt, das Gesuch von zwei Vorgängern abgeschrieben hatten und alles vollständig ist, beginnt der für uns nervige Teil, denn nun soll erwähnte Behörde den Fall prüfen, sobald das Einverständnis übermittelt ist, können uns die Visa gemacht werden. Da aber genau liegt der Haken, denn inzwischen ist es Abend geworden, unsere Papiere sollen erst Morgens dort ankommen. So geht es am nächsten Tag mit dem Versteckspiel weiter, denn jede der zwei Stellen behauptet über Stunden hartnäckig, unsere Papier nicht mehr oder noch nicht zu haben. Alle sind freundlich, lächeln und schicken uns hin und her, wobei die Gebäude einige Kilometer auseinander liegen. Als es dann heißt, alles sei in Ordnung, dauert es noch weitere Konsultationen, bis dies auch zur zuständigen Kraft durchgedrungen ist. Ein paar Geldscheine zwischen den Papieren hätten den Vorgang sicher beschleunigt (so rät man uns auf der Strasse), aber auf diesem Gebiet wollen wir jungfräulich bleiben.

Dass bei der Bank, bei der ich als nächstes Geld einzahlen muss, der Strom ausfällt, eigentlich schon Geschäftsschluss ist und wir ohne den Einzahlschein das Visum nicht bekommen, lässt mich dann schon fast kalt. Nicht jedoch, als ich dann doch erfolgreich zurückkehre, das Visum im Pass klebt und der Chef zwei Minuten bevor er unterschreiben soll, ohne Ankündigung, verschwindet. So warten wir auf ihn, anrufen will die Angestellte ihn nicht, aber es weiß auch keiner, ob er an diesem Abend überhaupt zurückkehrt. Schließlich kommt immerhin ein Ersatzmann, der nach Dienstschluss noch unterschreibt und wir erhalten die begehrte Verlängerung noch am Abend.

 

Den ganzen Tag haben wir nichts anderes gemacht, als entnervt hin und her zu fahren, zu warten und uns über dieses System zu ärgern, von dem man keine zuverlässige Antwort oder Zeitangabe erwarten kann. Hätte man uns gleich gesagt, dass es zwei Tage dauere, wäre alles viel entspannter abgelaufen. Stilgerecht verbringen wir die Nacht in einem Laden für Polizeí- und Militäruniformen nebenan. Der Besitzer hatte sich den Tag über immer wieder mit uns unterhalten und uns dies am Abend angeboten. Hier kann jeder, ohne Ausweis, echte Polizeiuniformen kaufen - wir ziehen es vor, daneben zu nächtigen.

 

 

Wie kommt die Kuh über den See?

Weiter geht es am Rande des Ferganatals entlang und schließlich in die Berge. An einer Stelle verlieren wie beide die Orientierung. Wir fahren bergauf an einem Bewässerungskanal entlang, und als wir oben sind, kommt uns weiterhin das Wasser mit einiger Strömung entgegen, wir rollen leicht bergab, immer noch fließt das Wasser gegen uns und kommt aus einem Tal rechterhand “hoch”. Zwei Bauern versichern uns, dass es bergab fließe, was ja üblicherweise auch der Normalfall sein sollte, aber so ganz sicher sind wir uns nicht.

 

Tien-Shan_5Wir folgen dem Fluss Naryn, der sich hier tief in die schroffen Berge eingeschnitten hat. Diese Situation hat man sich zu Nutze gemacht und ihn insgesamt fünf Mal aufgestaut (ein sechster Staudamm ist im Bau), um Strom zu gewinnen. Die höchste Staumauer am Toktogulstausee ist über 200 m hoch. Die Stauseen liegen wie türkisblaue Perlen zwischen den Felsen, hinter jeder der zahlreichen Kurven bieten sich neue, spektakuläre Ausblicke und auch unsere Schlafplätze sind eine Perlenkette der schönsten Ausblicke und Umgebungen. Allerdings sind sie nicht immer leicht erreichbar und was von der Strasse aus einladend aussieht, kann viel Arbeit bedeuten. Ein Seitental ist nur über einen schmalen Ziegenpfad erreichbar, wie steil er ist, konnten wir von der Strasse aus nicht erkennen und auf halbem Weg umdrehen ist erst recht nicht drin. Dafür müssen wir am nächsten Morgen alles einzeln den Berg hoch tragen.

 

Entlang der Stauseen windet sich die Strasse eng am Fels entlang. Dieser ist oft schroff, er wirkt, als würde er noch stark arbeiten, würden Wind und Wetter noch stark formen. Dazu leuchtet er in kräftigen Farben, mal rot, mal gelb oder türkis und eine Aufschüttung aus Steinen sieht aus wie ein bunter Marmorkuchen oder eine Gewürztorte, wie wir sie auf iranischen Basaren gesehen haben. Enge und weite Täler wechseln sich ab und wir fahren immer bergauf und bergab. Steinschlag scheint es stellenweise häufig zu geben was aber noch lange nicht zu Schutzmaßnahmen führt.

 

Einen Abend bleibt uns nur ein Platz weit unterhalb der Strasse. Dort gibt es einen kleinen Parkplatz und eine Anlegestelle für kleine Ruderboote. Auf der anderen Seite des hier etwa 600 m breiten Sees liegt in einem Tal eine Siedlung mit etwa 30 Häusern. Früher musste man nur den Fluss queren, jetzt geht jeder Kontakt, jede Versorgung mit dem Ruderboot über den Stausee, ein Arbeitsplatz für einen jungen Mann. Und wenn die Kuh zum Markt gebracht werden soll, wie es am Abend unserer Ankunft der Fall war, dann muss sie eben 600 m schwimmen. Wir wussten beide nicht, dass Kühe dazu über so lange Strecken in der Lage sind. Leider waren wie zu spät und trafen nur die noch nasse Kuh an.

 

Auch hier schwitzen wir am nächsten Morgen sehr, bis wir wieder oben auf der Strasse waren. Die netten Dorfbewohner wollten uns gerne für mehrere Urlaubstage dabehalten, uns aber saß die Ungewissheit des Winters doch zu sehr im Nacken, als dass wir dazu die Ruhe gehabt hätten.

 

Seit Osch ist das Wetter einfach nur schön. Es ist klar, der Himmel blau und die Sonne tut, als wäre es Sommer. Sie scheint jeden Tag und wärmt zumindest etwas. Nachts wird es empfindlich kalt, es friert fast immer und die üblichen Schutzmassnahmen müssen wieder ergriffen werden: Wasserfilter in den Schlafsack, Trinkwasser mindestens ins Innenzelt und die Kontaktlinsen werden so verstaut, dass sie hoffentlich nicht einfrieren.

 

Und unsere Thermosflasche bekommt auch wieder einen Sinn, denn nun wird sie regelmäßig an den vielen kleinen Teebuden mit Tee betankt, der uns zum Aufwärmen dient. Schließlich sind Eiswürfel im Winter nicht unbedingt das Beste - allein kaltes Wasser kann zu Unterkühlungen führen.

 

Mit einem Halbkreis um den Toktogul-Stausee verabschieden wir uns vom Naryn, Kirgistans längstem Fluss. Einige Männer verkaufen Fische an der Strasse, Boote sieht man aber wenig und die Dimensionen sind verglichen mit denen der Donau klein. Einmal wurden wir gefragt, ob es bei uns wirklich Schiffe gäbe, auf die man mit dem Auto fahren könne.

 

 

Über die Berge

Von Bischkek trennen uns noch zwei Pässe, die mit dem Fahrrad zu überqueren vielen hier unmöglich erscheint, denn wenn es nicht ohnehin zu schwer ist, werden wir mindestens vom Wolf gefressen oder erfrieren, prophezeit man uns.

 

Wir hingegen freuen uns darauf und auch wenn die die Bedingungen letztlich  bei weitem nicht die Besten sind, so ist es doch ein intensiver Abschlussteil.

 

In Toktogul rüsten wir noch mal auf, genießen die örtliche Banja, die in jedem größeren Ort zu finden ist und wie für uns Reisende gemacht ist. Für ein kleines Eintrittsgeld darf man eine einfache Dampfsauna mit Dusche eine Stunde lang nutzen. Da ein eigenes Bad in vielen einfachen Haushalten nicht zur Ausstattung gehört erfreut sich die Banja auch unter Einheimischen großer Beliebtheit und manchmal muss man sich vorher anmelden und warten. Dafür schaffen wir es auch immer, unter der warmen Dusche nicht nur uns, sondern auch unsere Kleidung zu waschen - die Bäche laden nicht mehr dazu ein.

 

Tien-Shan_4Gleich hinter der Stadt geht es in ein enges Tal. Ein Bach plätschert neben der Strasse entlang und bietet immer wieder Picknickplätze wie aus dem Bilderbuch . An einem solchen bauen wir auch unser Zelt auf, der wirkliche Anstieg folgt am nächsten Tag. Und nun geht es hinauf, über sechzig Kilometer fast nur bergauf und es werden mehr als gedacht. Bei Sonnenschein fahren wir los, vorbei an vielen Teehäusern und noch viel mehr Ständen, die Berghonig verkaufen. Die Menschen schlafen neben ihren Ständen in kleinsten Bretter- oder Blechbuden, einer wacht gerade auf. Sein Bett steht am Straßenrand direkt neben seinem Gestell mit Honiggläsern. Uns erschließt sich nicht, ob das Honiggeschäft sehr lukrativ ist, so scheint es nicht gerade, oder ob  die Menschen einfach keine andere Wahl haben, die wohl eher zutreffende Vermutung. Wir sehen auf 25 Kilometern bestimmt 40 - 50 solcher Stände, meist mehrere nebeneinander. Wir vertrösten uns auf hinter den Bergen, können bei Kymys, einer Art Nationalgetränk der Kirgisen aus alkoholisch vergorener Stutenmilch, aber doch nicht widerstehen. Wer weiß ob es das noch hinter den Bergen gibt….. Nun ja, der Geschmack ist etwas gewöhnungsbedürftig und schwer zu beschreiben, aber in kleinen Mengen sagt es und dann doch durchaus zu.

 

So kriechen wir voran, die wenigen Menschen neben der Straße werden weniger, irgendwann gibt es niemanden mehr, nur viele Sommerplätze mit verlassenen Bauwagen. Der Himmel zieht zu und wir sorgen uns etwas, noch kommt aber kein Schnee, es ist aber kalt. Weiter oben wird das Tal weiter, offener und wir genießen die vielen weißen Gipfel um uns herum. Die Straße ist Schneefrei und erst gegen Abend, kurz vorm Pass liegt auch neben der Straße Schnee. Es wird Dunkel, der Pass will nicht kommen und da die Autos trotz starkem Wind und etwas umherfliegendem Schnee nicht langsamer fahren, schlagen wir schließlich unser Zelt einige Meter neben der Straße im Schnee auf, bei den Temperaturen steigt keiner freiwillig aus seinem warmen Auto um uns zu stören.

 

Tien-Shan_6Bei immer noch starkem Wind und mit mittlerweile drei Hosen und noch mehr Oberteilen bekleidet, erreichen wir am Vormittag den Ala-Bel Pass.

Und dort werden wir unerwarteterweise von zwei Männern begrüßt und in ihre warme Stube eingeladen. Sie haben hier Dienst und müssen im Zweistundentakt Wetter und Straßenverhältnisse melden. Heute: “-11°C Grad, die Straße ist schwarz”. Dazwischen freuen sie sich über Besuch, versorgen uns mit warmem Tee und Geschichten über einen Franzosen der vor zwei Wochen dort war und der sich vor Kälte kaum noch auf dem Fahrrad halten konnte. Mittlerweile stolpert der Nächste herein, ein Kirgise dessen LKW stehen geblieben ist und der nun auf Abschlepphilfe wartet.

 

Tien-Shan_7Wir fahren  durch die verschneite Landschaft bergab, noch ist es grau aber ab Mittags beglückt uns die Sonne wieder. Hier erstreckt sich das Suusamyrtal, ein wunderschönes Hochtal, über viele Kilometer. Hier könnte man bleiben, wäre nicht Schnee vorausgesagt… Es gibt wieder vereinzelt Teehäuser, meist Bauwägen, die von einer Familie bewohnt werden und gleichzeitig als winziges Restaurant dienen. Die Besitzer sind erfreut, wenn man mitten in ihr Wohnzimmer platzt und sie bei der Hausarbeit stört. Ihr Einkommen ist die Verköstigung von Reisenden, wofür sie eine sehr abgelegene Lage in Kauf nehmen und ihre Kinder zu Verwandten geben müssen, damit sie die Schule besuchen können.

Wir genießen den Tag bergab und zelten am Fuße des Anstiegs zum zweiten Pass, ein Reiter kommt vorbei - man ist eben selten allein - kirgisische Idylle.

 

 

In den Schnee

Auch über Nacht setzt der vorausgesagte Schnee nicht ein. Erst als wir alles gepackt haben und losfahren, kommen die ersten weißen Flocken. Diesmal sollen es nur dreizehn Kilometer sein bis zum Pass, wir vertrauen der Aussage obwohl sie im Allgemeinen selten zutreffen, und legen los. Es kann nur schwieriger werden.

Es ist schön im Schnee zu fahren, alles wirkt gedämpfter, ruhiger und auch die Autos machen ausnahmsweise langsamer. Wenn nicht die Ungewissheit wäre, über die nächsten Stunden in denen es keine Möglichkeit gibt sich unterzustellen. Wir sind sehr langsam, aber erst die letzten drei Kilometer werden richtig anstrengend, weil rutschiger. Ich schiebe teilweise, da bleiben die Füße warm.

Oben wartet ein Tunnel auf uns und einige Autos die für die Abfahrt Schneeketten anlegen. Drüben soll es besser sein, aber erstmal wärmen wir uns bei den Diensthabenden des Tunnels auf.  Auch hier sind wir nicht die ersten Radfahrer, es scheint nicht ungewöhnlich für dieses Land, was uns seltsam vorkommt nach vielen Monaten in denen wir uns wie Außerirdische vorkamen so wie wir angestarrt wurden.

Anschließend sperrt man für uns den Tunnel in unserer Fahrtrichtung für den Autoverkehr. Eine gute Hilfe, denn er ist nicht breiter als nötig, zudem irritieret ein laut quietschendes Belüftungssystem und eine plötzlich sehr Schlaglochreiche Straße.

Auf der anderen Seite ist es nur etwas besser. Wir steigen zuversichtlich auf und legen uns nach wenigen Metern innerhalb von Sekunden beide hin. So machen wir etwas, was wir noch nie zuvor gemacht haben, wir schieben - bergab. Das Risiko erscheint uns doch zu groß auf spiegelglatter Straße und mit einem Verkehr der diesen Zustand inzwischen weitestgehend zu ignorieren scheint und es wie gewohnt eilig hat.

So dauert der Abstieg lange in einem sehr engen, schluchtartigen Tal und wir finden keinen geeigneten Platz zum Zelten. Schließlich kommt das erste Gehöft und wir dürfen dort bei einer Familie über Nacht bleiben. Hier erleben wir deren ersten Tag mit dem neuen Generator und dem ersten Strom seit langem mit. Und der wird dazu genutzt auf dem ebenfalls neuen Fernseher Musikvideos zu schauen. Aber auch Fotos unserer Reise können wir darauf zeigen. Am nächsten Morgen begrüßen uns viele Ziegen und Schafe, ein weiterer Grund so weit abseits zu wohnen.

 

 

Haus zu verkaufen

Hinter den Bergen ändert sich viel. Entlang der Hauptverkehrsstraße gibt es nur wenige Flecken die nicht besiedelt sind. Daneben große frisch gepflügte Äcker, die uns and das nahe Kasachstan erinnern.

Und dazu ein plötzlich sehr anderes Völkergemisch. Russisch ist hier Alltagssprache, zumindest unter den vielen hier noch lebenden Russen und Menschen anderer Herkünfte. Es ist ein seltsames Gefühl zumindest Teile der Straßengespräche verstehen zu können. Im Süden des Landes hatten wir unseren Türkischwortschatz insbesondere auf den Basaren wieder beleben können. Die Frauen dort können nur wenig Russisch und die Zahlenwörter im Türkischen und Kirgisischen sind fast gleich.

Tien-Shan_8Und etwas fällt noch auf, stellenweise steht fast jedes zehnte Haus zum Verkauf. Meist ist es einfach auf dem Hoftor angeschrieben und wieder haben wir den wirklichen Grund noch nicht herausgefunden. Abwanderung wird aber sicher einer der Gründe sein und mit dem ein oder anderen Objekt der hier auffallend bunteren Häuschen, liebäugeln wir scherzhaft.

So radeln wir im dichten Verkehr die letzten Kilometer nach Bischkek, das Wetter ist grau, die Stadt erstmal auch. Wir sind seltsam gestimmt am letzten Tag, die Reise geht weiter aber erstmal müssen wir sehen wie uns die Sesshaftigkeit auf Zeit schmeckt und ob die Berge im Blick reichen, das Gefühl der Freiheit nicht zu verlieren. Wir schlängeln uns durch die Stadt zu unserem vorläufigen Quartier. Hier werden wir herzlich empfangen und die Berge sind zumindest in Sichtweite.

 

Hier in Bischkek werden wir bis Ende März bleiben. Der Rhythmus ist in der Stadt ein anderer, was diesen Bericht zu einer nicht ganz leichten Geburt werden ließ. Wir werden auch weiterhin berichten, denn auch das Leben im äußerlichen Stillstand birgt hier genug Stoff dafür.

Erstmal wünschen wir euch Allen ein schönes Weihnachtsfest, ruhige Feiertage und einen guten Übergang in das Jahr 2010.

 

 

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.... und einen lieben Gruss aus Budapest von unserem letztjaehrigen Weihnachtsquartier!