Eine Radwanderung

Winter in Bischkek [Bilder]

Kirgisische Nachbarschaft

Bischkek_5Wie schon berichtet, wohnten wir den ersten knappen Monat hier in Bischkek in einer Wohnung im Plattenbau. Eingeschachtelt in überall gleicher Anordnung und unauffällig unter Vielen. Nur zweimal gab es wirklich Kontakt mit Nachbarn, mehr zweckmäßig zum Ausleihen einer Leiter etc. Verborgen hinter Türen mit Nummern, Namensschilder sind nicht üblich hier. Diese Plattenbauten wirken von Außen nicht sonderlich attraktiv, überraschen von Innen aber doch manches Mal mit unerwarteter Individualität. Eigentlich aber sind sie luxus-ferngeheizt, mit warmem Wasser und richtiger Toilette. Natürlich liegt eine Villa noch darüber, aber wenn man schon eine Wohnung hat, kann man auch mit dem Auto weitermachen.

Viele Menschen haben es aber einfacher und auch wir wählten diese Alternative, denn die drei Vierteln des gesparten Mietpreises kann man auch anderweitig einsetzen.

So waren wir von Anfang an in unserer Plattenwohnung mehr Gast als richtig zuhause und hatten schon relativ schnell eine neue Bleibe gefunden. Diese konnten wir allerdings dank kirgisischer Zuverlässigkeit erst zehn Tage später beziehen als geplant und erst kurz vor unserem ungeplanten Aufenthalt in Kasachstan.

Das neue Zuhause liegt in einem gänzlich anderen Gebiet als die vorherige Wohnung. Wie gewünscht, sind wir nah an unserer Einsatzstelle und damit mitten in einer ehemaligen Werkssiedlung gelandet, die allerdings nicht mehr sehr weit vom Slum entfernt scheint. Wir haben zwei kleine Zimmer und teilen diese mit unseren Rädern.

Möblierung spielt bei einem ehemaligen Nomadenvolk keine allzu große Rolle, bei "Kwatiranten" (Mietern) erst recht nicht, ist dies doch kein Zustand. Fast jeder hat ein eigenes Haus oder eine Wohnung und wenn nicht, ist dies schnellstmöglichst anzustreben. Wenn wir erzählen, dass es bei uns durchaus normal ist, das Leben in einer Mietwohnung zu verbringen, ernten wir nur Unverständnis und Mitleid.

 

Bischkek_2Die Wohnung nun mussten wir erst einmal putzen und strichen das Schlafzimmer neu. Ein bisschen wohnlich will man es ja auch haben. Die Elektrik war original, also zusammen-gefrickelte diverse Kabel, auch dünne Telefonkabel, aber dennoch sollten wir zum Heizen erstmal eine Kochplatte anschließen, schließlich würde der Ofen erst "morgen" gemacht. Dieses "morgen" dauerte dann zwei Wochen und letztlich steckten auf dem kleinen Kohleofen drei alte Ofenrohre, das Abschlussende ging horizontal so weit auf die Strasse hinaus, dass sich jeden Abend mindestens eine Person die Stirn daran anschlug. Nachdem wir aus Kasachstan wiedergekommen waren, ist eine Person zu heftig (oder zu alkoholisiert) dagegen gelaufen und hat selbst innen den Ofen mit umgeworfen. So durfte der "Ofenbauer" noch mal kommen und alles richten.

Die Ritzen um die Fenster haben wir mittlerweile zugeklebt, aber so richtig warm kriegen wir es nicht, schließlich kommen selbst die Katzen in die Zwischendecke zwischen Hartfaserplatte innen und Eternit außen.

Aber wir haben uns eingelebt, zum Glück keinen allzu strengen Winter gehabt und das gammelige Sofa konnten wir auch gegen ein ordentliches tauschen. Matratzen haben wir uns am Anfang gekauft, hier näht man ein Baumwollvlies in Stoff ein und so eine Futonmatratze gibt es dann für 8-12 Euro auf dem Bazar. Eine ähnlich gefertigte Decke für 2 Personen gibt es für ähnlich wenig Geld. Trotz aller Unvollkommenheit fühlten wir uns dann doch zuhause dort und genossen es ein solches, zumindest auf Zeit, zu haben.

 

Wir haben auch Nachbarn. Eine alte Vermieterin die mit Tochter und Enkel neben uns wohnt. Letzterer wird von seinem einzigen Freund täglich anhaltend mit einem kehligen "Sullllton" gerufen.

Diese eindringliche Rufweise nutzt auch die Frau, die täglich mit "Malako, Airon" durch die Straßen läuft oder das Auto, das "Markofka, Kartoschka, Limon, Banan…" verkauft.

Eine Tür weiter der Sohn, der just am Einzugstag seine gerade geklaute Braut heiratet. Keine sehr fröhliche Angelegenheit für die Frau und sehr befremdlich für uns wie die Braut während den Feierlichkeiten hinter einem Tuch sitzen und am nächsten Tag den ganzen Abwasch der Hochzeit selbst bewältigen muss. Der Brautklau hat lange Tradition und in Nomadenzeiten zur Blutmischung der verschiedenen Klane beigetragen. Heute nimmt dies wieder zu, der Mann macht es sich einfach und die Frau hat keine Wahl denn eine Nacht im fremden Haus und ihre Aussicht auf einen anderen Mann ist dahin.

 

An schönen Tagen spielen die Kinder auf der kaputten Strasse, die Hunde sind allgegenwärtig. Anfangs hatten wir schon etwas Skrupel, abends durch das Quartier zu gehen, aber mittlerweile ist das selbstverständlich geworden. Nie ist uns je einer schräg begegnet.

Es würde uns schon auch interessieren, was die Leute über uns erzählen. Immerhin wissen alle, dass wir aus Deutschland sind und mit dem Rad da sind. Und wohl auch, dass wir ohne Lohn arbeiten.

Lohn haben hier wohl auch eher Wenige. Direkt vor dem Viertel ist der Arbeitsstrich. An dieser Strasse stehen von morgens bis spät abends Leute, in einer Plastiktüte das Nötigste, im Winter die Hände an einem Lagefeuer aus Autoreifen wärmend, bei Sonnenschein Karten spielend, wartend, dass ein Benz anhält, dass da jemand Zeitarbeitskräfte braucht. Wenigstens einen von ihnen.

 

Bischkek_1Das ist die Strasse, die die Stadt trennt. Oder das Bahngleis dahinter. 3780 Kilometer nach Moskau, ab und an fährt ein Zug nach Moskau oder nach Sonstwohin oder kommt von dort, endet in Bischkek, vielmehr aber rütteln sich Güterzüge durch das Land.

Nördlich der Bahnlinie liegt der Innenstadtbereich, jenes Mosaik aus schnieken Bankgebäuden, Plattenbauten mit Patina, kleinen, alten Einfamilienhäusern, Ladencontainern, Cafés, Hochhäusern, die gerade neu entstehen, ein paar Parks, Märkten, einem Netz aus Trolleybusoberleitungen. Dann kommen die Fernwärmeleitungen, mit Glaswolle eingepackt und mit Beton verputzt, groß, unüberwindbar. An der Isanova eine Eisenbrücke, dann die Bahnlinie, dann unsere Industriezeile "Leva Tolstova". Früher wurden hier Rüstungsgüter hergestellt. Für den Weltfrieden. Heute nichts mehr. Auch dahinter der Botanische Garten, der Wärter sagt, 15 ha sei er groß, wahrscheinlich weit davon entfernt, ein Park oder Wald, scheinbar ohne öffentlichen Zugang, ein paar Heilpflanzen werden dort wohl gezogen im Sommer. Dort dann, nach Süden herrscht Gentrifizierung. Wohnhäuser werden durch Villen ersetzt, in einem Gebiet, das nicht einmal eine funktionierende Kanalisation hat.

Auch bei uns gibt es Wasser nur vom Brunnen, das holen wir dann in dem roten Plastikeimer. Haben es ja zu Hause auch nicht anders gemacht. Die Wassergräben führen eine Brühe aus Seifenlaugen und sonstigen Schmieren, nehmen das Plastik mit, wie es geht. Früher oder später versickert es sowieso im Boden.

 

Bewundernswert ist die Gelassenheit der Kirgisen. Sind ja nicht alles "Kirgisen", auch Russen, Uiguren, Dunganen, Deutsche, Usbeken, Kasachen und viele Andere. Jedenfalls bringt sie keine Aufregung aus der Ruhe, kein Trubel ist zu viel, keine Ausbeutung auflehnenswürdig. Sie haben ja als einziges Land in Zentralasien schon einmal einen Präsidenten, Akajev, gestürzt, 2005, aber wohl nur, weil der nächste, Bakiev, mal das Land ausbeuten wollte und dazu ein paar Leute instrumentalisieren konnte. So läuft das hier und so vergeht das Leben.

 

Der Winter bot am Rande der Berge einen ständigen Wetterwechsel dessen einzige Beständigkeit eben der Wechsel war. Grundfarbe grau - wurde es so richtig schön als es spätentschlossen im Februar richtig kalt wurde. In weiß gehüllt wirkt die Stadt wie verzaubert und auf den Straßen gilt die Devise warum räumen wenn man doch ohnehin nicht hinterherkommt und es zudem auch so geht. Bewundernswert wie die Fahrer mit Straßen zurechtkommen auf deren Eisschicht man problemlos Schlittschuh laufen könnte. Nur die Fahrräder lassen wir dann doch lieber stehen und überlassen das Rutschen unseren zwei Beinen.

 

Beschäftigung

Bischkek_4Mittlerweile hat Matthias doch noch eine kleine Stelle gefunden, etwas Geld zu verdienen und hat für eine einheimische NGO gearbeitet in einem Projekt zu Weidemanagement in den Hochlagen Zentralkirgistans. Dort, wo die alten Nomaden sommers hinzogen, um ihr Vieh zu weiden. Mittlerweile gibt es viel mehr Vieh, die alten Wintergründe sind längst überbaut oder werden ackerbaulich genutzt. Dieses Manko an Winterfutter wurde mit der Kollektivierung in Sowjetzeiten durch Heuimport gelöst. Heute stehen die Leute da, die vielleicht nie Bauern waren, ohne Sovchose, mit ihrem eigenen Vieh, ihrem Land, aber ohne gewachsene Strukturen und Erfahrungen. So ist eine der drängendsten Fragen, um der Überweidung her zu werden, wie die Tiere sinnvoll über den Winter gebracht werden können. Dazu hat er einige Vorschläge ausgearbeitet, die Winterfuttersituation zu verbessern. Da gerade zu Beginn ein Seminar mit den Bauern stattfand, hatte Matthias die Gelegenheit, sich die Situation vor Ort anzuschauen und Zentralkirgistan im Winter zu erleben.

 

Bischkek_3Veronika hat weiter bei Nadjeschda gearbeitet, sich mit Kinderspielzeug und seiner Herstellung befasst, Anträge für die maschinelle Neueinrichtung der Schreinerei und Werkoberstufe geschrieben von denen ein kleiner Teil auf dem Weg ist, über den Größeren noch verhandelt wird. Für die Werkoberstufe und den Werkunterricht entstand ein umfangreicher Katalog mit Werkstückideen und Herstellungswegen und einige Werkstücke wurden als Anschauungsobjekte gefertigt. Vor Allem aber die Erkenntnis, dass solche Kurzeinsätze nicht sehr sinnvoll scheinen und trotzdem die Hoffnung bleibt, dass von der vielen verbrauchten Energie zumindest ein kleiner Teil hilfreich und langfristig angelegt ist.

 

Veronikas Lieblingsbeschäftigung war dann die Ämterrennerei. Dank ihrer Russischkenntnisse war sie dafür prädestiniert, auch wenn Matthias dann doch ab und an auch noch was übrigblieb. Im Wesentlichen ging es um unser kirgisisches Visum. Wir waren ja in Kasachstan, um davon ein neues zu bekommen. Dieses war aber nur einen Monat gültig, wir sollten dann in Bischkek verlängern. Haben wir auch alsbald angefangen, aber da die erste Bearbeitungszeit schon zwei Wochen dauerte, war das Visum schon wieder abgelaufen. Dann wollten wir uns nicht damit zufriedengeben, dass die plötzlich 130 $ pro Person wollten (zusätzlich zu 12 schon gezahlten) - in einer Situation, in der man keine andere Wahl hat, da man ohne verlängertes Visum nicht ausreisen kann. Dieser Betrag ist willkürlich, für Leute, die bei anderen Organisationen arbeiten kann das auch umsonst sein. Haben wir schließlich auch bekommen, aber mit viel Rennerei und Hartnäckigkeit. Aber die ganze Zeit hatte das Amt die Pässe und insofern konnten wir keine weiteren Visa für die Weiterreise einleiten.

 

Daneben gibt es natürlich auch noch andere Aktivitäten. Basarbesuche hier und dort, Freundesbesuche, Oper, Stadtspaziergänge, Banja, Kneipe, Flötenquartett (oder meistens Terzett), Filme schauen, kirgisisch kochen, Lesen, Planen…….

 

 

Besuch

Bischkek_7Dann hatten wir auch noch Besuch. Mit Regula und Bernhard hatten wir schon länger Kontakt, sie sind mit ihrem Tandem, das auf den Namen "Sprinter" hört, unterwegs von Tübingen aus. Mittlerweile sind sie in China. Sie verbrachten einige Zeit in Bischkek und davon die ersten Tage bei uns.

Mit ihnen sind wir dann auch an den Issyk-Kul gefahren, den großen See, das Auge der Welt. Mit dem Bus. Dort sind wir in einem "Homestay" untergekommen, die Art von Tourismus, die hier am meisten verbreitet ist. Leute, die ein, zwei, drei Räume für Gäste herrichten und vermieten.

Bischkek_6Da ergab es sich, dass die Vermieterín in einer Filzwerkstatt arbeitet und so war unser Interesse geweckt, dies mitzuerleben. Das war auch dann der wesentlichste Punkt dieser Reise, schließlich entpuppten sich die warmen Quellen als Dusche und die Reitpferde als nicht sehr gehwillig. In der Filzwerkstatt konnten wir dann erleben, wie Wolle gekämmt wird, Filz gemacht, Filzteppiche geschneidert, Jurten gebaut werden… beinahe der gesamte Prozess vom Schaf zum Haus. Das war sehr spannend und außerdem beein-druckend, dass hierzulande ein Laden auch gut laufen kann. Ehemalige Lehrerinnen und Wissenschaftlerinnen haben sich mit diesem Kollektiv durch auswärtige Hilfe eine Existenz in ihrem Dorf aufgebaut und reisen mittlerweile sogar zu Ausstellungen in der ganzen Welt. Das meiste der Produkte wird exportiert, entweder über einen Importeur aus Deutschland oder eben, gerade im Sommer, an Touristen verkauft.

 

Was bleibt

An einem Tag im August saßen wir in einem Park im Iran. Planen wollten wir bei dieser Reise so wenig wie möglich, nun mussten wir es aber, um die Visa für Zentralasien beantragen zu können. So entstand einst die Idee den Winter hier zu verbringen. Diese Entscheidung kam uns oft wieder in den Sinn in den Wintertagen. Auch wenn es viele schöne Momente gab, tolle Begegnungen und wir es nicht zuletzt auch genossen haben mal wieder für eine Zeit ein festes Zuhause zu haben und uns mit anderen Dingen zu beschäftigen, es fiel uns doch schwer uns mit dieser Stadt anzufreunden.

Jetzt hat der Frühling sich fast durchgesetzt, auch wenn es nach T-shirttagen durchaus am nächsten Tag wieder schneien kann, und wir wollen mitmachen. Die Zimmer sind geräumt, brauchbare Dinge verschenkt oder noch untergestellt und wir machen uns wieder auf den Weg in die Welt.