Eine Radwanderung

Bischkek - Karakol [Bilder]

 

Es geht wieder los

Endlich geht es weiter. Der angepeilte Frühlingsanfang, an dem hier "Nooruz", das kirgisische Neujahr gefeiert wird, wird es nicht ganz, aber zwei Tage später sitzen wir dann endlich wieder auf unseren vollgepackten Schiffen. Wie ein Schiff fühlt es sich an, wenn man nach einer leeren Zeit wieder mit Gepäck fährt und das fühlt sich gut an. Nicht nur, weil man die kleineren und größeren Unebenheiten der Straße weniger spürt, sondern auch weil der Aufbruch damit verbunden ist.

 

IMG_7726Die letzten Tage haben wir alles fertiggebracht und vorbereitet. Haben beide Haare gelassen, allerdings nur Matthias sichtbar, unsere Dinge in Nötige und Unnötige oder nicht ganz so Nötige und deshalb Unterstellbare sortiert. Einen Teil in Taschen verpackt, einen verschenkt und einen bei Freunden untergestellt. Wir müssen noch auf die Einladung für unser russisches Visum warten, welches wir hier in Bischkek machen wollen. Deshalb haben wir uns entschlossen in der Wartezeit noch einen weiteren Teil des Landes zu beradeln und dann kurz per Bus zur Visumsbeantragung zurückzukommen.

 

Die ersten Blumen fangen zaghaft an zu blühen, ein paar wenige Bäume trauen sich auch schon, allerdings liegt Bischkek verglichen mit dem Rest des Landes recht niedrig und noch längst sind nicht alle Ziele erreichbar. So wird es zum Issyk-Kul gehen, dem zweitgrößten Gebirgssee der Welt und dem Stolz eines jeden Kirgisen.

 

Die ersten beiden Tage können wir bei Bekannten aus Bischkek Station machen. So bekommen wir einen kleinen Einblick in das Leben des Dorfes Rotfront welches als Bergtal 1927 von Wolgadeutschen Mennoniten gegründet wurde und heute eine der letzten deutschen Sprachinseln auf ehemaligem Sowjetgebiet darstellt. Am nächsten Tag geht es zuerst über ein altes Minarett, den Burana-Turm nach Tokmok und dank einer spontanen Idee machen wir gleich einen Pausentag und einen Ausflug in die Berge zu den heißen Quellen von Issyk-Ata und einem Wasserfall. Besonders das Baden in warmem Wasser unter freiem Himmel, umgeben von hohen, größtenteils noch schneebedeckten Bergen ist sehr schön.

 

Die erste Zeit radeln wir im Tschuital entlang, dem am dichtest besiedelten Gebiet des Landes. Hier gibt es viel Ackerbau - Weite, bis am Rande die Berge aufsteigen. Dann wird das Tal enger und geht durch eine Schlucht in die Berge über, hinter denen der See liegt.

IMG_1251Gleich zu Beginn der Berge macht sich das vorgezogene Aprilwetter, wie wir es die letzten Wochen bereits in allen Facetten erleben konnten bemerkbar und für einen Tag hält uns Schneefall im Zelt. Es ist nicht allzu viel, aber die geliehenen Bücher aus Bischkek bieten genug Verlockung fürs Faulsein und Zeit genug haben wir ja. So geht es anschließend wieder bei Sonnenschein in die Berge. Wir fahren aber nicht gleich auf den See zu sondern biegen über einen kleinen Pass nach Süden ab wo wir uns in Kochkor letztendlich dann doch davon überzeugen lassen, dass es noch zu früh ist, den Song-Köl-See anzusteuern. Der Umweg macht uns nichts, die Landschaft mit Bergen, Weiden und Tieren ist lohnenswert und wir genießen es wieder unterwegs zu sein. Wieder in der Welt der Pferde- und Eselskarren zu sein und den großen Jeeps nur noch selten zu begegnen. Nicht, dass es hier ansonsten keine Autos gäbe, aber es mischt sich eben mehr. Etwas überrascht sind wir dann auch, dass in dieser Gegend die Jugend kaum Russisch versteht und wir uns an die älteren Menschen wenden müssen.

 

 

Kamele mit zwei Höcker

IMG_1299Es geht weiter Richtung Issyk-Kul und kurz bevor wir den See erreichen stehen plötzlich nicht Pferde neben der Straße sondern Kamele. Diesmal sind es richtige Kamele mit zwei Höckern, auch wenn diese etwas eingefallen sind. Wir sind sehr überrascht, hatten damit schließlich nicht gerechnet und freuen uns über  die geduldigen, neugierigen Tiere die sich gerne streicheln lassen und sehr lustige Frisuren tragen.

 

 

 

 

Issyk-Kul

Ab jetzt geht es am Südufer des Sees entlang. Diese Seeseite wurde uns von vielen als die Schönere empfohlen und begeistert uns sehr. Kleine Dörfer von der Ferne an den vielen Pappeln zu erkennen. Oft gibt es nichteinmal einen Laden und wenn führt dieser nur Getränke und Süßigkeiten, denn die Grundnahrungsmittel stellt jeder selbst her. Das Wasser kommt aus kleinen Brunnen, wenn die Versorgung nicht schon zusammengebrochen ist. Die Häuser sind einfach, gebaut aus dem Lehm der Umgebung und manchmal mit bunten Fensterumrahmungen oder Hoftoren geschmückt. Die Dorfstraßen aus Erde, krumm gefahren und huggelig und die Kinder spielen begeistert ein Wurfspiel mit Steinen, Wirbelknochen oder bunten Flaschendeckeln. Die älteren Menschen sitzen oft zusammen am Straßenrand, schwatzen, kauen Sonnenblumenkerne und lassen das Leben an sich vorbeiziehen. Noch hat die Zeit der vielen Arbeit, der Sommer, nicht angefangen.

Wir genießen diese Einfachheit nach den vielen Reizen der Stadt und überlegen uns im Vorbeifahren welches der vielen Pferde, die überall neben der Straße wieden, wir uns aussuchen würden.

 

IMG_7677Der Issyk-Kul liegt auf ca. 1600 müNN und ist damit, nach dem Titicacasee, der zweitgrößte Gebirgssee der Erde. Er ist umgeben von den Bergen des Tien Shan die schneebedeckt an seinen Ufern aufragen. Durch seinen leichten Salzgehalt friert er auch im Winter nicht zu. Im Sommer ist er das Urlaubsziel der Kirgisen, aber auch Kasachen und Russen und mittlerweile auch westliche Touristen kommen hierher.

Dass Touristen nicht unbekannt sind, merken wir schnell. Jedes Kind das gerade laufen kann, weiß, dass man einen solchen mit "hello" begrüßt und so schallt es uns tagtäglich verbunden mit "Tourist, Tourist" vielfach entgegen. Begleitet von Pfeifen und auch mal der Frage nach Geld oder Geschenken. Manch einer will auch gleich das ganze Fahrrad haben, aber wir gehen auf diese Bitten grundsätzlich nicht ein um das Betteln nicht zu fördern. Wir sind erstaunt, wie deutlich man an diesem Verhalten die Gebiete erkennt, in denen viele Touristen verkehren, denn im Süden Kirgistans ist es uns nicht so ergangen, wogegen es in Usbekistan ebenfalls offensiver war.

Manche der seenahen Örtchen bieten auch gleich vielfach Unterkünfte für Touristen an. Alternde Sanatorien aus Sowjetzeiten gibt es, dazu Hotels, Gasthäuser und Homestays bei denen man ein Zimmer bei einer Familie hat.

Wir genießen unser mobiles Zuhause und einmal die Gastfreundschaft einer Familie in deren Hof wir zelten dürfen, nachdem eine unangenehme Begegnung  uns an diesem Tag die Lust am Wildzelten nahm. Zwei Männer hatten uns mit Pferden bedrängt und zum Anhalten gezwungen. Sie forderten nicht konkret etwas, sprachen es zumindest nicht aus, wollten uns aber auch nicht weiterfahren lassen. Erst ein vorbeifahrender Jeep entschärfte die für uns unangenehme Situation, allerdings folgte uns einer der Reiter nochmal und traf mit einem faustgroßen Stein Matthias am Handgelenk. Glücklicherweise ließen sie uns dann in Ruhe und wir werden später herzlich aufgenommen.

Nachdem wir besonders in der Stadt eher kirgisische Familien mit kleiner Kinderzahl kennengelernt hatten, waren es hier gleich sieben Geschwister die allesamt ausgesprochen hübsch waren. Der Vater ist halb Kirigise, halb Deutscher, eine seltene Mischung denn meist bleibt man unter sich. Deutsch kann er allerdings nicht, viele seiner Geschwister und auch die Mutter sind aber nach Deutschland übergesiedelt. Sie leben sehr einfach vom eigenen Feld, haben ein paar Tiere und sie sind sehr herzlich und interessiert und zum Familienfoto am nächsten Morgen wird extra noch ein Wolfsfell an die Hauswand gehängt.

Auch außerhalb der Dörfer wir überall wo es möglich ist gesiedelt. Durch die verhältnismäßig schneearmen Winter zogen die Nomaden schon in früherer Zeit im Winter bevorzugt in dieses Gebiet. Für uns ist es ungewohnt, dass es wieder Zäune gibt, die das Land einteilen. Diese sind selbstgebaut aus Aststücken und sie werden fast überall gut gepflegt. Neben Tierhaltung und Ackerbau wird hier vor allem Obst angebaut, Äpfel und Aprikosen. Letztere sind allerdings andere Sorten als im Süden von denen wir bereits berichteten. Sie eigenen sich nicht so gut zum Trocknen und werden frisch exportiert, hauptsächlich nach Russland und ins Baltikum. Wir freuen uns immer, wenn wir auf einem Basar eine alte Frau finden, die selbstgemachte Marmelade verkauft. Diese sind sehr lecker und momentan unser Favorit zu Brot, Pfannkuchen, Müsli..... auch Sanddornsaft kann man gelegentlich an der Straße kaufen.

Die Landschaft ist meist einfach nur wunderschön. Linkerhand mehr oder weniger weit entfernt, der türkisblaue See an dessen Rand die Berge aufragen. Rechterhand mal Weiden die in die Berge übergehen oder rotbunte Felsen und gelbe Lösswände in den verschiedensten Formen, die sich vor den Bergen erstrecken.

 

 

Skaska Valley - das Märchental

IMG_7762Rechts der Straße bei km 100/120 führt eine Fahrspur über den rot-sandigen Untergrund in ein Tal, das könnte auf die Beschreibung passen, die wir als heißen Tipp in Bischkek bekommen haben. Erst sieht es aus wie jedes Tal in der Umgebung. Rotbraune Hügel in verschiedensten Formen, ein trockenes Bachbett im Tal, wenig Vegetation die sich hier in ihrem Türkis wunderschön gegen die Berge absetzt. Einige hundert Meter talauf, wir haben die Fahrräder mittlerweile stehen gelassen, da das Schieben im Sand sehr mühsam ist, beginnt der Teil dem das Tal seinen Namen verdankt.

Durch schnelle Erosion der verschiedenen Untergründe ist eine faszinierende Welt entstanden. Hier dunkelrote gezackte Berge, Stehlen, Figuren und Formen, daran anschließend kleine Hügel in den verschiedensten Gelbtönen die in einem bunten Übergang in eine wieder andere Welt aus Formen und Farben wechseln. Hinter jeder Biegung staunen wir wieder was die Natur zaubern kann. Als Kontrast über uns der blaue Himmel und im Rückblick sieht man immer wieder den Issyk-Kul türkisblau zwischen den Bergen. Außer uns ist niemand hier, das Tal liegt versteckt, noch gibt es keine Hinweisschilder und die Einheimischen verstehen auch erst langsam was die Touristen meinen, wenn sie nach "Skaska" fragen. Ein wirklich lohnenswerter Abstecher, der sich dort versteckt.

 

 

Nach Karakol

IMG_7675Das Wetter zeigt sich ebenfalls meist von seiner besten Seite und die Sonne strahlt uns an. Nur der Fahrtwind ist noch recht kalt und so sind wir noch gut eingepackt unterwegs was den lustigen Effekt hat, dass alles was rausschaut schnell braun wird, der Rest noch winterweiß bleibt und auf wärmere Tage wartet. Das Bad im See scheiterte allerdings nicht an den Temperaturen, sondern daran, dass der See an der Versuchsstelle sehr flach war und man weit hätte laufen müssen. Wir seien zu früh dran, sagen die Leute. Aber wir können schließlich nicht überall im Sommer sein und sind so schon sehr zufrieden. Da ist der Wiedereinstieg in das Fahrradleben leicht und auch ansonsten gewöhnen wir uns schnell wieder an den Reisealltag.

Nur eine Sache hat sich geändert. Nachdem bisher fast immer ich diejenige war, die früher aus den Federn gekrochen ist und für das Frühstück gesorgt hat, ist diese Aufgabe nun im wesentlichen an Matthias übergegangen, den morgens nichts mehr im Schlafsack hält, zu Uhrzeiten in denen er früher noch nichteinmal die Augen aufmachte.

Je weiter wir nach Osten kommen, umso bunter und verzierter werden die Häuser. Waren sie vorher mehrheitlich aus Lehm gebaut mit dezenten Verzierungen, so sieht man nun immer mehr aufwändige Fensterumrahmungen, Holzausbauten, hier eine kleine Extraveranda  und dort ein schönes Detail. Karakol, die größte Stadt am Issyk-Kul, die an seinem östlichen Ende liegt, war eine russische Gründung die wohl ihren Einfluss auf diese Architektur ausübte.

Durch dichte Pappelalleen fahren wir auf Karakol zu. Am Straßenrand sind die Schulkinder der Umgebung in einem großen "Subotnik" dabei, altes Laub und Zweige zusammenzurechen und zu verbrennen. Solche Reinigungseinsätze gibt es immer mal wieder und auch in Bischkek sah man öfter die Schulkinder ihre Besen mitbringen mit denen dann eine Straße oder der Schulhof in Gemeinschaftsaktion gereinigt wurde.

Karakol ist wieder eine größere Stadt und hier werden wir einige Tage verbringen, einiges ist zu organisieren, nachdem ausgerechnet jetzt zwei wichtige Teile an unseren Rädern schwächeln und wir noch auf die Einladung warten müssen.