Eine Radwanderung

Karakol - Bischkek - San Tash [Bilder]

 

 

Karakol, warme Quellen und eine Revolution

Langanhaltendes Glockengeläut zu mitternächtlicher Stunde macht uns bewusst, dass Ostern ist und, dass das orthodoxe Osterfest wohl mit unserem zusammenfallen muss. So manche Ereignisse verliert man schneller aus den Augen wenn man unterwegs ist und fern einer strukturierten Woche lebt. Wir finden aber tatsächlich Ostereier auf dem Basar bestehend aus zwei Teighälften gefüllt mit einem nussig-süßen Mus. Zumindest für uns müssen sie als solche herhalten.

 

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Auch sonst stellen wir das Programm etwas um. Statt in aller Frühe Osterwasser zu holen, gehen wir zu Sonnenaufgang auf den Tiermarkt für den Karakol bekannt ist. Dieser fängt sehr früh an und die Stimmung gleicht der eines Jahrmarktes. Mehrheitlich Männer, oft aber auch ganze Familien drängen sich zwischen Unmengen verschiedener Tiere. Aus nah und fern kommen die Menschen zu diesem Ereignis und nachdem man sich durch viele kreuz und quer parkende Autos und LKWs gekämpft hat, kommt man zum Mittelpunkt des Geschehens. Grob in Gebiete eingeteilt werden hier unglaubliche Mengen Pferde, Kühe, Kälber, Schafe und Ziegen angeboten. Es herrscht ein großes Gedränge, es ist matschig und man muss ständig aufpassen nicht umgeritten zu werden oder einem Tier in die Quere zu kommen welches mit seinem Schicksal nicht einverstanden ist und sich entsprechend zu wehren versucht. Da wir ohnehin kein Tier kaufen wollen, kehren wir nach einer Runde über den Markt und ausgiebiger Bewunderung der wirklich außerordentlich fettschwanzigen Fettschwanzschafe wieder zurück.

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Schnell stellen wir auch fest, dass Osterfeiertage äußerst ungünstig sind um Dinge zu organisieren und so widmen wir uns erstmal dem Faulsein, dem Internet auf der Suche nach unserer Einladung für das russische Visum und der Erkundung der Stadt.

Und diese ist wirklich angenehm. Nicht zu groß, großzügig angelegt mit sehr breiten Straßen und vielen schönen Häusern und der ein oder anderen Sehenswürdigkeit. Eine davon ist die orthodoxe Kirche, ganz aus Holz vor gut hundert Jahren gebaut wurde auch sie zu Sowjetzeiten anderweitig genutzt, ist jetzt aber wieder mit ihren gelben Kuppeln im Einsatz. Als Gegenpart gibt es die sogenannte Chinesische Moschee, ebenfalls ganz aus Holz und mit einer ganz eigenen Architektur die ganz und gar nicht an eine Moschee erinnert. Außerdem entdecken wir auf den verschiedenen Wegen immer wieder schöne Häuser mit verschiedenen Verzierungen, meist aus Holz und immer farbig. All dies gibt der Stadt ein gemütliches Gefühl und wir fühlen uns wohl. Wir dürfen im Garten eines Hostels zelten und haben so ein gutes Basislager um einige Zeit hier zu verbringen.

 

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Nachdem die Ostertage verstrichen und alles Machbare organisiert ist, zieht es uns aber doch raus und so schließen wir uns dem Besitzer des Hostels an, der sein Basecamp in einem nahen Tal herrichten und kontrollieren will. Mitsamt Köchin und Fahrer machen wir uns auf den Weg, allerdings nach einer kurzen Fahrt zu Fuß, denn der Weg in das Tal ist von mehreren Lawinen versperrt und bis in den frühen Sommer nur so erreichbar. Nach einem fünfstündigen Anstieg kommen wir im Altyn- Araschantal auf 2700 müNN an. Hier liegt noch teilweise Schnee und die Landschaft hat sich gänzlich geändert. Während man im Bereich der Siedlungen weiter unten fast keine Nadelbäume findet, beginnt der Wald weiter oben und zieht sich bis auf gut 3000 müNN hoch. Hohe, schlanke Tien-Shan-Fichten ragen in den Himmel und vieles erinnert uns an die Schweiz.

 

Der eigentliche Grund weshalb wir uns zu diesem Ausflug entschlossen, sind aber zahlreiche heiße Quellen, die es hier gibt. Manche gefasst in kleine Schwimmbecken mit teils sehr hohen Temperaturen, andere wild oder in der Natur zu kleinen Pools gefasst. Letztere ziehen uns mehr an und nachdem wir sie gereinigt haben genießen wir es in der warmen Höhle zu liegen, während der abendliche Schnee um uns herum fällt.

 

Während wir es uns dort oben gutgehen lassen, uns als einzige Gäste aber auch etwas seltsam fühlen, läuft das Faß in Bischkek über und es kommt zu einem gewaltsamen Umsturz der Regierung. Die Präsidentenfamilie hatte es mit ihrer Selbstversorgung zu weit getrieben und besonders massive Strom- und Gaskostenerhöhungen zu Beginn der Jahres waren zu viel. Leider verlief der Umsturz dieses Mal, anders als vor fünf Jahren, blutig und 83 mehrheitlich junge Menschen kamen ums Leben. Es folgten einige Tage der Unruhe mit Plünderungen und Zerstörungen vor allem großer Supermärkte in der Innenstadt und allgemeiner, von vielen Gerüchten genährter Unsicherheit. Einen guten Überblick über die Ereignisse in Bischkek findet man hier.

In Karakol wurde nach Demonstrationen der Gouverneur der Region abgesetzt, ansonsten war aber nicht viel zu spüren. Geschäfte und Basare arbeiteten wie immer und zurückgekehrt sind wir froh, uns über das Internet informieren zu können, was wirklich vor sich gegangen war. Schließlich hatten wir dort oben nur Bruchstücke mitbekommen. Auch eine gute Nachricht erwartet uns, unsere Einladung ist fertig und liege in Moskau. Sie kann wegen der unsicheren Lage aber nicht nach Kirgistan geschickt werden.

Wir wollen versuchen ob es auch mit einem Scan geht und nachdem sich die Lage eine knappe Woche nach dem Umsturz einigermaßen beruhigt zu haben scheint, machen wir uns auf den Weg nach Bischkek. Unsere Räder lassen wir in Karakol, denn von hier aus wollen wir später weiterfahren.

 

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Da wir das Südufer nun kennen, fahren wir mit der Marschrutka das Nordufer entlang. Wir teilen die Fahrt auf zwei Tage auf und übernachten eine Nacht in Cholpon-Ata, dem wohl touristischsten Ort am Issyk-Kul. Das Ufer ist mit Pensionen, Hotels und Sanatorien verbaut und viele Leute bessern sich ihr Gehalt durch das Vermieten von Zimmern an Sommergäste auf. Neben Kirgisen ist der See vor allem bei Kasachen und Russen beliebt, die in großen Zahlen hier her strömen. Um diese Jahreszeit ist jedoch alles leer und uns interessiert vor allem ein Ort mit vielen Petroglyphen. Dort stehen wir erstmal erstaunt vor einem riesigen Feld voller Steine zwischen denen man die Zeichnungen suchen muss. Es gibt viele noch erhaltene Felszeichnungen und ein paar Balbals, Grabfiguren aus Stein die Gesichter oder Menschen darstellen.

 

 

In Bischkek in der Warteschleife

So sind wir also wieder in Bischkek und da natürlich nicht alles so schnell klappt wie erhofft, werden aus den geplanten vier/fünf Tagen ganze zwei Wochen. Das schmeckt uns nicht sehr gut, endlich ist Frühling und wir wollen auch mitmachen, aber ändern können wir auch nichts. Ohne die Details in Gänze ausbreiten zu wollen, kein Visum war so schwer zu bekommen wie dieses Russische. Nachdem endlich alles beisammen war wurde die Einladung natürlich nicht als Kopie akzeptiert. Sie konnte mittlerweile doch geschickt werden, strandete aber in Almaty, von wo aus die Weiterleitung ungewiss war. Die Grenzen sind für die Lokalbevölkerung geschlossen, für Ausländer aber offen und so fuhr schlussendlich Matthias nach Almaty um die Einladung dort abzuholen und endlich, endlich lief alles wie geplant. Da war es dann auch fast nicht mehr aufregenswert, dass ein Geldschein zu alt war und nochmal extra getauscht werden musste.

 

Als wir die Stadt im März verließen, begann sie grün zu werden, in der Zwischenzeit hat der Frühling die Natur schier explodieren lassen. Überall quillt saftiges Grün hervor, die Bäume blühen und viele Blumen geben der Stadt ein viel freundlicheres Gesicht. Nach einigen Regentagen wird das Wetter fast hochsommerlich und die Parks mit ihren vielen Bäumen zu sich füllenden Oasen. Das Leben geht weiter, die zerstörten Geschäfte werden renoviert, die kleineren Läden profitieren und am Zaun des weißen Hauses erinnern Bilder von und Blumen für die Gestorbenen an die Ereignisse der vergangenen Woche. Der Umsturz ist Gesprächsthema Nummer 1 und genährt von unzähligen Gerüchten scheint kaum jemand wirklich genau zu wissen was vor sich geht.

 

Wir erledigen was wir uns vorgenommen haben. Matthias präsentiert seine Studie zum Winterfutteranbau und hält eine Stunde Geographieunterricht zum Thema Alp, wir schauen nochmal in der Werkstatt vorbei, tauschen gelesene Bücher gegen Neue und nähen uns ein neues Inlet für den Schlafsack nachdem das Alte der Altersschwäche erlegen ist.

Zudem treffen wir Freunde wieder und haben viel Zeit für Dinge, die im Winter doch irgendwie zu kurz gekommen sind. Lesen und Faulenzen stehen hoch im Kurs, endlich schaffen wir es das Kunstmuseum anzuschauen und zumindest kurz ins Ala-Archatal und der ein oder andere Apfelkuchen entsteigt dem Backofen.

Da wir unser Winterquartier schon aufgelöst haben, sind wir froh über Simons offenherzige Gastfreundschaft die uns das Gefühl gibt noch einmal fast zuhause zu sein in Bischkek und uns wirklich ausruhen zu können.

Und dann endlich ist es soweit, wir halten unser langersehntes Visum in den Händen welches uns einen halbjährigen Aufenthalt in Russland sichert und können uns endlich verabschieden und richtig aufbrechen.

 

 

Ausgang Ost

Mit dem Nachtbus kehren wir zu unseren Rädern zurück und finden sie wie verlassen vor. Froh, nun endlich weiter zu kommen, machen wir uns gleich daran alles zu verstauen und passend umzupacken und trotzdem haben wir nach dem Winter irgendwie mehr Gepäck. Da müssen wir noch reduzieren. Diesmal sind noch andere Gäste im Hostel und so frühstücken wir mit drei holländischen Studenten, die in einem Jeep unterwegs sind und in den drei Monaten seit ihrem Aufbruch schon eine für uns unglaubliche Strecke zurückgelegt haben. Auf den spanischen Radler, der am selben Tag aus den Bergen zurückkommen soll, wollen wir nicht mehr warten und machen uns trotz Müdigkeit auf den Weg.

Erstes Ziel ist das Museum des großen russischen Forschers und Reisenden N. Przewalski, manch einem vielleicht wegen der kleinen nach ihm benannten Wildpferde bekannt. Hier sind seine Reisen durch Zentralasien, die Mongolei, China und Tibet dargestellt, ebenso Briefe und Auszeichnungen, Teile seiner Ausrüstung und ausgestopfte Tiere der Region.

Kurz nach Norden, geht es dann nach Osten, wo wir in den Bergen einen kleinen Grenzübergang nach Kasachstan nehmen wollen. Die Strecke in der Ebene ist stark landwirtschaftlich geprägt, die Felder werden gerade bestellt und die Luft ist staubgefüllt. Die Sicht wirkt immer etwas benebelt ohne dass solcher anwesend wäre.

Je weiter wir nach Osten fahren, umso weniger werden die Menschen, umso schlechter die Straße, aber umso schöner die Berge. Es geht nur leicht bergan und wir kommen dennoch hoch. Hier liegt noch viel Schnee und die Wiesen rechts und links der Straße sind stellenweise ein einziger Fluß, so viel Tauwasser rinnt auf ihnen talwärts. Das Wetter ist sehr warm und wir holen uns prompt Sonnenbrände, die aber die nächsten Tage wegen starkem Wind wieder unter langer Bekleidung verschwinden. Dort, wo der Schnee gerade erst verschwunden ist, kommen schon die ersten Wildblumen zum Vorschein und wir bewundern viele, viele Krokusse.

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Mitten in einer Hocheben liegt unauffällig der Grenzübergang, als würde man ohnehin nicht viel Andrang erwarten. Als wir ankommen werden wir vom diensthabenden Beamten begrüßt, der uns aber auch gleich mitteilt, dass der Übergang geschlossen sei. Ich erkläre, dass wir extra vor zwei Tagen mit dem kasachischen Konsular telephoniert hätten und dieser uns versichert hätte, die Grenze sei hier offen. Dies stimmt zwar nicht ganz, aber irgendwie muss man ja Eindruck machen. Ja, die kasachische Seite sei geöffnet, bestätigt er, während wir im Geiste ausrechnen für wie viele Tage Wartezeit unser Proviant ausreichen könnte, aber sie hätten geschlossen.