Eine Radwanderung

Sarakhs - Farab [Bilder]

 

 

 

Turkmenistan - ein Land, dass sich seit dem Ende der Sowjetunion und Beginn der Unabhänigkeit abschottet, von einem Präsidenten, den man überall in Form goldener Statuen bewundern kann, in einen irren Personenkult versenkt, der grösste Teil des Landes von der Karakorum-Wüste bedeckt. Individuelle Reisen sind nicht möglich und Visa werden nur für den Transit (wie in unserem Fall) oder für organisierte Touren mit einheimischem Reiseführer erteilt – wenn überhaupt. Wir bekommen eigentlich fünf Tage (im Visum stehen sechs) für 535 km. Das ist nicht viel Zeit, für uns schon gar nicht, da wir selten soviel an einem Tag fahren. Um ein Land kennenzulernen, braucht man mehr Zeit und vor allem mehr Ruhe.

All dies lässt uns das Land nicht gerade mit Vorfreude betreten, verlassen werden wir es begeistert und mit wunderschönen Impressionen.


Die Einreise zieht sich bis Mittags hin, dann aber werden wir von unseren Gastgebern noch bis zur Grenze gebracht, wo wir aus einem Kofferraum Geld tauschen und ich mein Hemd noch auf iranischer Seite verschenke. Die Ausreise aus dem Iran dauert länger als die Einreise. Man will schon sichergehen, dass die Richtigen ausreisen und so blättert man lange in unseren Pässen und vergleicht wieder und wieder Foto und Realität. Schließlich dürfen wir gehen und rollen am letzten Posten vorbei über die Brücke eines trockenen Flusses, der die Grenze markiert hinein in unser erstes Land Zentralsiens. Am ersten turkmenischen Posten vorbei, wo wir die lethargischen Jungsoldaten überraschen, dann ziehe ich langsam das Tuch von meinem Kopf. Nach sieben Wochen ist es mir zur Gewohnheit geworden und hat mich nicht gestört, dennoch bin ich froh, nun wieder selbst entscheiden zu können, was ich anziehe.

Bei der turkmenischen Grenzkontrolle werden wir gleich mit Bürokratie begrüßt. Erst testet ein Doktor, ob wir Schweinegrippe haben. Zum einen funktionieren die alten Fieberthermometer gar nicht, zum anderen wäre deren Reinigung bestimmt mal eine eine sinnvolle Sache und drittens unterhält er sich mit uns viel lieber über Fussball. Als nächstes müssen wir eine Pappkarte kaufen, auf der auch nur die Daten aus unserem Pass stehen, die wir dann bei der Ausreise wieder abgeben müssen. Wir müssen eine Art Begrüßungsgeld zahlen und wie immer unser Gepäck durch den Scanner schicken. Zum ersten Mal müssen wir Taschen auch auspacken, das aber nur pro Forma. Unser Pass klärt wohl nicht eindeutig unsere Nationalität (obwohl die sogar in Russisch dort vermerkt ist), immer wieder werden wir danach gefragt, auf der Bankquittung als Finnen bezeichnet und schließlich herzlich willkommen geheißen.


Die beiden Länder haben außer der Grenze nicht viel gemein und anscheinend auch keinen Kontakt, abgesehen von einigen in Iran lebenden Turkmenen. So fallen viele Unterschiede ins Auge. Die Häuser haben wieder spitze Dächer, in dieser Region wird viel Baumwolle angebaut, das Wasser kommt aus dem Ziehbrunnen und kurz hinter der Grenze sehen wir die ersten Kamele, nein Dromedare. Am meisten aber beeindrucken uns die Frauen. Sie tragen bodenlange Kleider in leuchtenden Farben, nur manche ein Kopftuch, nicht weniger bunt, dieses aber hinter dem Kopf geknotet. Sie wirken stolz, frei und schön und nachdem in Iran weitgehend schwarz und dunkle Farben das Erscheinungsbild prägten, erfreuen wir uns an der Farbenfrohheit und Fröhlichkeit, die sie ausstrahlen.


Viele Strassen gibt es nicht in diesem Land und trotzdem schaffen wir es gleich auf der Falschen zu landen. Diese soll allerdings besser sein und so bleiben wir dabei, fahren dafür einige Kilometer zusätzlich. Straßenschilder gibt es hier fast gar nicht, man muss den Weg wissen oder sich durchfragen und das erste Schild sehen wir nach mehr als 200 km in Mary, wo es eh nur geradeaus geht. Mary ist nach etwa der Hälfte des Weges die erste Stadt. Zuvor führte der Weg vorbei an kleinen Dörfern, vielen Baumwollfeldern und durch Steppe mit etwas Gebüsche. Das Land ist flach, es gibt kaum Anhaltspunkte, nur die Strasse, wie sie vorne und hinten am Horizont verschwindet, ab und an rechts von uns die Eisenbahn, die sich von weither mit dicken Russwolken ankündigt und Strommasten neben der Strasse.


Wir kommen gut voran, halten uns auch in Mary nicht groß auf, füllen nur unsere Essensvorräte auf und ziehen weiter. Nördlich von Mary liegt die alte Karawanenstadt Merv und zumindest diese wollen wir uns anschauen. Seit Turkmenistan finden wir auf unserer Karte viele Kamele, die die Routen der Seidenstrasse markieren. Diese uralte Handelsstrasse führt auf verschiedenen Wegen durch diese Länder und war mit ausschlaggebend für die Gründung blühender Städte in einer sonst von Nomadenvölkern durchzogenen Gegend. Merv war seinerzeit eine der grössten und bedeutendsten Städte, auf einer Höhe mit Bagdad, bis Dschingis Khan die Stadt mitsamt ihren 300.000 Einwohnern ausradierte. Die Stadt wurde nicht mehr aufgebaut und die Mongolen waren gründlich, heute kann man aber auf einem riesigen, mehrere Kilometer sich erstreckenden Areal ihre Überreste besichtigen, Stadtmauern und einzelne Gebäude sind noch erkennbar bzw. restauriert worden, dazwischen wandern Dromedare hin und her und ein heutiges Dorf liegt halb auf der alten Stadt. Leider können wir nicht alles anschauen, da der nötige Mittagsschlaf zu lange war und die Zeit drängt, aber es war ein schöner Eindruck und wir sind erstaunt, dass die Gebäude aus Lehm noch soweit stehen. Hier kann man sich noch in etwa vorstellen wie es damals mit den Karawanen gewesen sein muss.

 


Zwischen Merv und Turkmenabad, der nächsten Stadt, liegen wieder gut 200 km, diesmal richtige Sandwüste. Hier durchquert man die Karakum (Schwarzer Sand) – Wüste, begegnet kaum Menschen und noch weniger Siedlungen, dafür aber viel, viel Sand. Anfangs ist die Umgebung für uns noch faszinierend, Sand und Dünen lassen uns staunen. Dann müssen aber auch wir feststellen, dass es interessantere und motivierendere Landschaften gibt, Rückenwind auch nicht schlecht ist und es abends nicht so einfach wie gedacht ist, mitsamt Fahrrädern hinter der nächsten Düne zu verschwinden. Denn beladene Fahrräder durch Sand zu schieben ist auch zu zweit ein Kraftakt. Mittags ist kein Fleckchen Schatten zu finden und so sind wir froh, dass gerade dann eine Chaixana auftaucht. Das sind einfache Teehäuser entlang von Straßen oder in Städten die Tee und einfache Gerichte anbieten. Wie gemacht für uns und froh lassen wir uns auf die gemütlichen Sitzmatten fallen und die leckeren Köstlichkeiten munden. Eine Zunahme an Fett, genauer Hammelfett, ist deutlich zu spüren und es schmeckt genauso wie damals in Kirgistan. Es hat auch niemand etwas dagegen, dass wir gleich hier unseren Mittagsschlaf abhalten, praktischerweise bekamen wir einen ganzen Raum nur für uns.


Wir nähern uns Turkmenabad, der zweitgrößten Stadt des Landes, kurz vor der usbekischen Grenze. Die Wüste ist dem dunklen Grün der Baumwollfelder gewichen, dann den breiten Straßen der Stadt vorbei an verschönerten Plattenbauten in Rosa und hin zur kleinen holperigen Straße in Richtung Grenze. Eine Melone haben wir uns immer erträumt in den Wüstentagen, denn dort gibt es nicht wie sonst überall in diesen Ländern Verkäufer neben der Straße. Wir finden auch einen Stand und radeln mit dem kleinsten Modell von immernoch bestimmt sieben Kilo weiter. Melonen gibt es seit Georgien fast immer und fast überall. Sie werden von LKWs oder aus dem Kofferraum, manchmal auch von einem riesigen Melonenberg verkauft. Aber so richtig lecker werden sie erst jetzt im Herbst, saftig und mit wirklich Geschmack und noch besser wenn die Mägen dann auch an ein Übermaß des Genusses gewöhnt sind, denn groß sind sie immer. Es gibt hier ausser den bei uns üblichen Wasser- und Honigmelonen noch eine dritte Sorte, eine Zuckermelone die sehr knackig ist und weniger intensiv als Honigmelone schmeckt.

 

Bei allem was man im Vor- oder Nachhinein über dieses Land hört, gibt es viele überraschende Momente solange man sich dort befindet. Im Gegensatz zum Iran war Politik nie ein Thema, keiner hat mit uns über die Regierung etc. gesprochen (vielleicht wird auch einfach zu gut abgehört). Aber trotz allem wirken die Menschen irgendwie zufrieden. Wenn wir an Baumwollfeldern vorbeifahren, auf denen so viele Pflückerinnen unterwegs sind wie um Heidelberg auf Erdbeerfeldern zur Erdbeerzeit, und erblickt werden geht ein fröhliches Schreien los und viele, viele Köpfe tauchen auf und winken uns. Die Atmosphäre ist entspannt und die Menschen gastfreundlich, aber auch angenehm unaufdringlich wenn man etwas ablehnt. Offene Armut begegnete uns nicht, auch wenn viele in einfachsten Verhältnissen leben hatten wir doch nie den Eindruck von Verwahrlosung.


Und auch hier spüren wir noch das Erbe der Sowjetunion, was diesen Ländern einen Hauch von Gemeinsamkeit, zumindest in manchen Dingen, gibt. Grundnahrungsmittel sind in etwa die Gleichen und wir freuen uns sehr auf den ersten Frühstücksgriesbrei seit Armenien. Auch können wir uns wieder recht gut verständigen und treffen auch hier Männer, die ihren Militärdienst in der DDR verbracht haben. Ob dort bevorzugt Männer aus den kleinen Sowjetrepubliken hingeschickt wurden weiß ich nicht, man trifft aber dort besonders viele. Im Gegensatz zu Georgien und Armenien beklagt sich hier keiner, auch wenn die Arbeitsbedingungen wohl immer noch nicht so gut sind wie damals. Insgesammt hatten wir mangels Zeit leider nicht so viel Kontakt zu den Menschen wie wir gerne gehabt hätten, als Reisender merkt man jedenfalls nichts von der Diktatur und auch die seltenen Polizeikontrollen verlaufen freundlich und unproblematisch.

Uns hat dieses Land sehr gut gefallen und wir hätten gerne mehr Zeit gehabt. Die letzten Kilometer holpern wir zur Grenze, überqueren den hier noch riesigen Fluss Amur Darya auf einer Pontonbrücke und verlassen pünktlich am Morgen des sechsten Tages das Land. Auch wenn wir so viele Kilometer gefahren sind wie nie, war es machbar für uns. Schließlich hatten wir auch selten über so viele Kilometer so flache Landschaft. Nur unsere Hintern waren nicht immer zufrieden mit der langen Arbeitszeit und mehr Ruhe ist einfach angenehmer.